PRN Member Meeting & Digital Forum in Hongkong

Internationale PR ist eines unserer Steckenpferde. Das haben wir nicht zuletzt dem Public Relations Network (PRN) zu verdanken, das Sympra 2006 mitgegründet hat. Mittlerweile umfasst es 24 inhabergeführte Agenturen auf vier Kontinenten. Über Sprachbarrieren, Zeitverschiebungen und kulturelle Unterschiede hinweg unterstützen sich die Mitglieder bei der internationalen Öffentlichkeitsarbeit.

Am 25. und 26. Januar 2018 ist es wieder soweit: Einmal im Jahr treffen sich die Mitglieder des internationalen Agenturverbunds – live und in Farbe – , um sich über globale und regionale PR-Trends auszutauschen, Ziele für 2018 festzulegen und die gemeinsamen Erfolge des letzten Jahres zu feiern. Dieses Jahr kommen wir in Hongkong zusammen; zum ersten Mal findet eine Mitgliederversammlung in Asien statt. In diesem Rahmen wird ein besonderes Highlight das PRN Digital Forum „Exploring the Digitalization of Culture, Consumer and Market“ werden, das unsere chinesischen Gastgeber, die Creative Consulting Group, organisiert hat.

In Podiumsdiskussionen und Round Tables werden Führungskräfte, Medienvertreter und Marketingexperten aus aller Welt gemeinsam erörtern, was Unternehmen zukünftig wirklich brauchen, um die Herausforderungen der digitalen Transformation zu meistern. Digitalunternehmen und Startups wie Swire, HSBC, British Telecom, Lalamove, Easyship, JetOne Motion und Qupital werden Teil der Veranstaltung sein, sowie Vordenker und Branchenspezialisten von Infiniti, Microsoft, Swire Properties, OAX Foundation, MoneyHero.com, Nexchange, Blueprint, Gatcoin, dem Hong Kong Jockey Club und MITs HK Innovation Node.

Wenn Sie zu diesem Zeitpunkt zufällig in Hongkong sind (oder aus diesem Anlass dorthin reisen möchten), können Sie sich hier ein Ticket sichern. Für alle anderen gibt es natürlich einen ausführlichen Nachbericht auf dem Sympra-Blog. Weitere Informationen zum PRN Digital Forum finden Sie unter www.creativegp.com/prndigitalforum/ oder im offiziellen Veranstaltungsflyer.

 

Funkende Mülleimer und vernetzte Mausefallen

In der Smart City senden Sensoren Statusinformationen über Funknetze – das können Messwerte zur Luftqualität oder die Füllstände von Müllbehältern sein. Verbessert das die Lebensqualität in der Stadt?

In einer Kleinstadt nahe Stuttgart führt unser Kunde telent mit einem Entsorgungsbetrieb gerade einen Pilotversuch durch. Bisher fuhren Mitarbeiter der Müllabfuhr im Turnus jeden einzelnen der rund 200 öffentlichen Müllbehälter im Ort an, um sie zu leeren – oft umsonst, weil sie nicht oder kaum gefüllt waren. Das bedeutet unnötige Wegstrecken, Zeitaufwand und CO2-Emissionen. Jetzt meldet ein in der Tonne angebrachter Sensor den exakten Füllstand. In Korrelation mit anderen Umgebungsvariablen, wie zum Beispiel Wetter-, Verkehrs- oder Verwaltungsdaten wird entschieden, ob der Behälter geleert werden soll oder nicht. Die Entsorgungsfahrzeuge erhalten eine errechnete, optimierte Route durch das Stadtgebiet und fahren dabei nur die zu leerenden Tonnen an. Rund die Hälfte der Fahrten und der Abgasemissionen lassen sich so einsparen.

Im Internet der Dinge (der Mülleimer ist genau so ein „Ding“) funken Gegenstände Statusinformationen über eine eigens dafür aufgebaute Funkinfrastruktur. Diese sogenannten Low-Power-Netzwerke übertragen Datenpakete mit – der Name sagt’s – niedrigem Energieverbrauch. Mit sehr überschaubarem Aufwand lassen sich so große Gebiete abdecken, z. B. ein Betriebshof oder eine komplette Innenstadt. Die erfassten Messwerte und Daten werden auf einer zentralen Plattform gebündelt, ausgewertet und visualisiert. Prozesse können auf diese Weise bestmöglich optimiert und neue digitale Services entwickelt werden. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig, hier einige Beispiele:

Wenn erneuerbare Energien in lokale Verteilnetze eingespeist werden, spielen die Ortsnetzstationen eine entscheidende Rolle. Damit die Energieversorger die vorgeschriebene Spannungsqualität einhalten können, ist es notwendig, die Spannung permanent mit intelligenten Technologien zu überwachen. Strom- und Spannungsmessgeräte in Ortsnetzstationen, Kurz- und Erdschlussanzeiger werden ebenso wie analoge und digitale Schnittstellen mithilfe von intelligenter Sensorik eingebunden.

Für das Wasserqualitätsmanagement werden Trinkwasserspeicher, Badeseen und Gewässer mithilfe von Sensoren zeit- und ortsunabhängig überwacht. Durch die Funknetzanbindung entfallen aufwendige Lösungen auf Basis von Mietleitungen oder Mobilfunk. Wasserverbräuche lassen sich vollelektronisch ermitteln, was die Prozesskosten bei der Wasserabrechnung um 50 bis 70 Prozent reduziert. Die Daten werden dabei direkt vom Zähler an die Abrechnungssoftware übermittelt. Für Ent- und Bewässerung sowie das Abwassermanagement überwachen Sensoren den Durchfluss in Abwassersystemen und Wasserrückhaltebecken, erkennen Pegelstände für den Hochwasserschutz und messen Bodenwerte für die ressourcenschonende Bewässerung von öffentlichen Anlagen.

30 bis 50 Prozent des kommunalen Stromverbrauchs fallen auf Straßenbeleuchtung. Sie verursacht nicht nur hohe Kosten, sondern belastet auch das Klima durch jährlich über zwei Millionen Tonnen CO2-Emissionen. Die Energieeinsparung durch sensorgestützte Straßenbeleuchtung beträgt bis zu 60 Prozent gegenüber herkömmlichen Beleuchtungsinfrastrukturen. Neben der Steuerung der Beleuchtung kann die Infrastruktur durch weitere Sensoren zusätzliche Umweltdaten liefern. Bestehende Straßenbeleuchtung lässt sich wirtschaftlich nachrüsten. Energieeinsparung erfolgt durch Anpassen des Beleuchtungsniveaus an das Verkehrsaufkommen und durch Teilnachtschaltung; Dimmen führt zu geringerer Lichtemission. Zusätzlich können Mitarbeiter am Leitstand oder mit dem Smartphone die Beleuchtung auf Basis übermittelter Daten zur Wetter- oder Verkehrssituation steuern.

Intelligentes Parkraummanagement sorgt dafür, dass Autofahrer schneller einen freien Parkplatz finden; dazu melden Sensoren freie Parkflächen oder die Auslastung von Parkhäusern. Mit intelligentem Liegenschaftsmanagement („Smart Building“) überwachen Sensoren in Gebäuden das Raumklima (Temperatur und Feuchtigkeit), Öffnung/Verschluss von einzelnen oder mehreren Türen oder Fenstern. Als Teil messtechnischer Konzepte für die Bauwerksüberwachung erkennen Sensoriken schädigende Faktoren in Betonbauwerken, erfassen Korrosion, Feuchtigkeit, Temperaturen und Statik von Dächern, überwachen Risse innerhalb und außerhalb von Gebäuden. Für die Schädlingsbekämpfung, z. B. in Kläranlagen, melden funkende Tierfallen, dass sie gerade eine Maus oder eine Ratte gefangen haben.

Die Bandbreite der Anwendungen im Internet der Dinge ist groß. Milliarden funkender Gegenstände werden uns künftig umgeben: im Haus, in der Fabrik, im Büro, auf der Straße – und eben im städtischen Bereich. Hier sorgt der Ansatz dafür, dass Energie, Arbeitszeit, Kosten und CO2 reduziert werden können. Ich freue mich auf die Smart City!

Zum letzten Mal bei Loretta?

Das Alimentari da Loretta ist ein italienischer Lebensmittelladen, der auch Mittagstisch anbietet, in der Römerstraße im Stuttgart Süden. Hinter dem Laden gibt’s eine winzige Küche, und wenn man durch die durchgeht, gelangt man über eine kleine Treppe in einen Raum, die „Kulturgarage“. Die Inhaberin Loretta Petti veranstaltet dort regelmäßig Lesungen, Konzerte und andere Events und trägt so zur kulturellen Bereicherung, nicht nur im Viertel, sondern in der ganzen Stadt bei. Es ist gemütlich bei Loretta, eng, heimlig, urig.

Sympra verbindet mit dieser Location die Erinnerung an schöne Feste, vor allem Agenturweihnachtsfeiern. Keine Ahnung, wie oft wir in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren dort gefeiert haben. Da wir fast jedes Jahr dort waren, dürften es mindestens 15-18 Mal gewesen sein. Loretta ist die perfekte Gastgeberin: Nach dem Begrüßungsprosecco geht’s los mit riesigen Antipasti-Platten, die eigentlich alleine schon die Mannschaft stattmachen könnten. Danach hausgemachte Pasta, mindestens drei Sorten und drei Saucen. Jetzt der Hauptgang samt Beilagen („Ich habe Kaninchen und Hühnchen, soll ich Euch auch noch Fisch machen?“). Wenn man glaubt, man sei nun endgültig an seiner Kapazitätsgrenze angelangt – Fehlanzeige: Zum Abschluss kommt jede Menge Nachtisch, zu erwähnen u. a. eine Kalorienbombe, bestehend aus Sahne, Mascarpone und Früchten, die so lecker schmeckt, dass auch sie noch wegkommt. Dazu wunderbaren Hauswein, Grappa … Sympraweihnachtsfeiern ziehen sich daher meist bis in den frühen Morgen. Schon traditionell: „Ich lasse Euch den Schlüssel da; schließt ab und werft ihn mir in den Briefkasten!“

Wundert sich jetzt der Leser, dass wir, kaum ist die Weihnachtsfeier vorbei, meistens gleich fürs Folgejahr reservieren?

Loretta und Sympra, das ist eine Freundschaft seit den 1990er Jahren. Die Weihnachtsfeiern in der Römerstraße sind Teil der Symprastory, Höhepunkt zum Jahresabschluss fürs Team, bleibende Erinnerung auch für viele ehemaligen Kollegen.

Am 21./22. Dezember 2017 feiern wir womöglich zum letzten Mal bei Loretta.

Denn: Ihr Vermieter hat ihr gekündigt. Wegen Eigenbedarf. Das Haus soll renoviert und zu einem Mehrgenerationenhaus umgebaut werden. (Die ganze wunderliche Geschichte gibt’s zum Nachlesen z. B. hier.) Okay, dem Gebäude tut eine Sanierung sicher gut. Dass damit aber eine kulturelle und kulinarische Institution verschwinden soll, ist mehr als schade. Es wäre ein weiteres Beispiel für die Gentrifizierung im Stuttgarter Süden, bei der das, was das Viertel eigentlich ausmacht, weggeräumt wird.

Für den Erhalt des Alimentari da Loretta und die Kulturgarage haben Fans der Einrichtung zu einer Online-Petition aufgerufen:
https://www.openpetition.de/petition/online/loretta-muss-bleiben

Ob’s was bringt? Auf jeden Fall zeigen Kunden und Freunde von Loretta, engagierte Bürger, dass sie mit dieser Entwicklung nicht einverstanden sind.

Wir hoffen das Beste. Vor allem für Loretta. Aber auch für unsere Weihnachtsfeiern.

Über den Zufall, oder: Hätte ich damals in Izmir Fliesen verkauft …

Neulich habe ich versucht zu rekonstruieren, wo die Weiche gestellt wurde, die den Zug meines Lebens dorthin geleitet hat, wo er heute noch fährt. Dabei habe ich festgestellt, dass es gleich mehrere Zufälle waren – oder Vorhersehung, „providence“? – die aneinandergereiht meine Vita gelenkt haben.

Mein Studium liegt nun schon ein paar Jährchen zurück. Dass ich Wirtschaftswissenschaften studiert habe, lag daran, dass ich in einer schicken Werbeagentur arbeiten wollte und mir ein Agenturchef seinerzeit den Weg über eine Marketingausbildung empfohlen hatte. Dass ich zunächst mal Mathe 1 und 2 bewältigen musste, war mir bei der Wahl des Studiengangs nicht wirklich bewusst. Heute muss ich feststellen, dass ich das Ganze überhaupt recht blauäugig anging – kein Wunder, dass ich schon nach ein paar Wochen kognitive Dissonanzen hatte und ich mir nicht mehr sicher war, ob mich Makroökonomie wirklich in die coole Agenturwelt führen würde.

Ich habe in den ersten Tagen in meiner neuen Heimat Stuttgart auf dem Weindorf Penny*, eine Philippinin, kennengelernt, die in einer Studentenorganisation Auslandspraktika für ihre Kommilitonen organisierte. Das fand ich spannend und engagierte mich fortan in derselben Gruppierung. In den Semesterferien traf ich mich regelmäßig mit Praktikanten aus allen Herren Ländern (damals noch weitgehend ausgenommen die Staaten des Ostblocks) und beschloss, auch vorlesungsfreie Zeit arbeitend im Ausland zu verbringen. Mein Antrag war erfolgreich, ich hatte das Angebot, im türkischen Izmir einen Hersteller von Natursteinfliesen beim Exportieren nach Deutschland zu unterstützen. Ich war Feuer und Flamme das Angebot anzunehmen, …

Da kam dann die PR dazwischen

… bis ich mitbekommen hatte, dass die Pressestelle der Standard Elektrik Lorenz AG (später Alcatel, dann Alcatel-Lucent, jetzt Nokia) einen Praktikanten suchte. Ein kurzes Bewerbungsgespräch, und ich hatte Job! Ich sagte den Türken ab. Das war gut, denn bei SEL lernte ich die wunderbare Welt der Öffentlichkeitsarbeit kennen und schätzen. Mein Berufswunsch nahm Formen an.

Praktikum. Noch ein Praktikum. Werkstudent (der letzte übrigens, der festangestellt wurde, sodass ich mir als Student ein paar Belegschaftsaktien kaufen konnte). Einige Monate später eröffnete uns der Leiter der Fachpressestelle, Helmut v. Stackelberg, dass er das Unternehmen verlassen und in eine Werbeagentur wechseln würde. Das war dann schon gegen Ende meines Studiums, und er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, in dieser Werbeagentur meinen Berufsstart zu vollziehen.

Mich zog’s aber zunächst für ein Praktikum an eine Hochschule nach Mexiko. Dass ich diese Stelle bekommen hatte, war auch wieder einer dieser Zufälle, denn ich sprach damals kein Spanisch. Zwölf Monate später startete ich dann aber tatsächlich in der Werbeagentur, machte mich zwei Jahre danach mit meinem ehemaligen Boss selbstständig und gründete Sympra.

Zuffenhausen statt Ägäis

Vermutlich war die Entscheidung für mein PR-Praktikum beim Telekommunikationshersteller die entscheidende dafür, dass ich heute bei und mit Sympra Öffentlichkeitsarbeit mache. Dass ich aber überhaupt vor diese Wahl gestellt wurde, war eine Aneinanderreihung unvorhergesehener Begebenheiten – genau so, wie auch heute noch Kunden, Mitarbeiter und Lieferanten mehr oder weniger zufällig zu uns finden – SEO hin oder her.

Will sagen: Man kann versuchen, sein Leben, seine Karriere noch so detailliert zu planen; am Ende sind es Zufälle, die einen in die B2B-Branche bringen oder zu einem Experten für Blutbiomarker machen, die einen mit netten Kollegen zusammenführen oder mit Lösungen gegen den Hunger in Afrika konfrontieren, die einem einen Partner bescheren oder den Sitz in einem Beirat. Schön, wenn man nicht alles planen und vorbereiten kann.

*Als ich vor ein paar Jahren ein Seminar an der Universität Hohenheim hielt, kam eine der Studierenden auf mich zu und richtete mir einen Gruß von ihrer Mutter aus. Es war die Tochter von Penny, der philippinischen Praktikantin, die zufällig in meine Seminargruppe gelost wurde.

Boomtown Wien

Am Wochenende war ich mit dem Arbeitskreis Baufachpresse in Wien. Hier war ich schon ein paar Mal, kenne den Stephansdom, die Hofburg, Museen, Kaffeehäuser. Unsere Partneragentur hat hier ihren Sitz; wir arbeiten eng zusammen. Wien ist groß, hat knapp 1,8 Millionen Einwohner. Was ich nicht auf dem Radar hatte ist die Dynamik dieser Stadt. Das Bevölkerungswachstum ist gewaltig: 25.000 Menschen ziehen jedes Jahr in diese Stadt, die in zehn Jahren weit mehr zwei Millionen Einwohner haben wird. Internationale Organisationen, Headquarters von Unternehmensgruppen, Gründer lassen die Wirtschaft der Hauptstadt boomen. Die neuen Wiener kommen von überall her, sehr viele übrigens aus Deutschland.

Städte müssen diese neuen Bewohner aufnehmen können. Wien ist seit mehr als hundert Jahren für seinen städtisch geförderten Wohnungsbau bekannt. Sie Stadt ist der weltgrößte Wohnungsbesitzer und -vermieter, die Mietpreise sind im internationalen Vergleich unglaublich günstig. Gut 60 Prozent aller Wiener leben in einer städtischen oder von der Stadt geförderten Wohnung.

Wir unternehmen eine Exkursion zur Seestadt Aspern, dem zurzeit größten Stadtentwicklungsprojekt Europas. Auf dem 240 qm großen Gelände eines ehemaligen Flughafens im Nordosten Wiens entstehen bis 2028 Wohnungen für mehr als 20.000 Menschen und bis zu 20.000 Arbeitsplätze. Rund fünf Milliarden Euro werden in Neubauten mit einer geplanten Bruttogeschossfläche von mehr als 2,6 Millionen qm investiert. 6.000 Menschen wohnen bereits in den rund 3.000 Wohneinheiten, einige Unternehmen mit 1.500 Arbeitsplätzen haben sich ebenfalls schon angesiedelt. Noch ist das Ganze eine gewaltige Baustelle, mit zig Gebäuden, die in verschiedenen Sektoren rund um den zentralen, künstlichen See angeordnet sind. Das mit 84 Metern höchste Holz-Hochhaus („HoHo Wien“) wird zurzeit hochgezogen. Charakteristisch für den entstehenden Stadtteil sind breite Gehwege, Stationen mit Mietfahrrädern, Cargobikes, die man sich beim zentralen Stadtteilmanagement ausleihen kann – und 0,7 Parkplätze pro Wohneinheit; die Seestädter sollen also möglichst selten ein Auto benutzen, stattdessen ihre Einkäufe in den Läden der Fußgängerzone erledigen und mit der U-Bahn fahren. (Die U-Bahn fährt übrigens schon seit Jahren, auch schon lange, bevor das erste Gebäude fertiggestellt war.) Es gibt keine Gärten, dafür jede Menge öffentlicher Plätze. Nachhaltigkeit und Nachbarschaft sind Teil des Konzepts

Wien ist eine Stadt, früher etwas am Rande gelegen, jetzt in der Mitte Europas, deren Dynamik ich bis dato so nicht kannte. Tatsächlich ist hier eine echte Boomtown entstanden mit Anziehungskraft für Unternehmen aller Art, vor allem aber auch aus Zukunftsbranchen wie Kreativwirtschaft, Biotech und Fintech. Startups fühlen sich hier genauso wohl wie internationale Institutionen. Eine Stadt, die unbedingt einen Besuch lohnt!

Seit einigen Jahren bin ich Mitglied im Arbeitskreis Baufachpresse, dem Berufsverband für alle Baufachpublizisten. Hier finden sich Redakteure, Unternehmensvertreter und auf Bauen spezialisierte Agenturmitarbeiter zusammen, um sich austauschen, sich zu vernetzen – und um im Rahmen der Jahrestagung gemeinsam spektakuläre Baustellen zu besichtigen: mal den Rohbau der Elbphilharmonie, mal den fast fertigen Hauptstadtflughafen BER, mal Stuttgart 21.

Zurück zum Naturalientausch!

Hoffentlich hole ich mir mit diesem Beitrag nicht die Steuerfahndung in Haus! Er ist nämlich ein Plädoyer für den Naturalientausch, vorbei am Finanzamt, steuer- und abgabenfrei. Keiner kriegt was davon mit, vom bilanzneutralen Mehrwert. Die Bank mag sich wundern, dass es uns gutgeht, ohne dass Zahlungseingänge auf dem Girokonto zu verzeichnen sind. Wir sind jedenfalls subjektiv gesehen immer gutgefahren, wenn wir uns darauf eingelassen haben. Zahlen sind ja nicht alles.

Hans, der Meister des Naturalientauschs

Westernpferde für Häuptlinge

Eine ehemalige Branchenkollegin, uns über gemeinsame Verbandsaktivitäten gut bekannt, hatte einen Hang zum Metierwechsel. Erst Lehrerin, dann Journalistin, später in Sachen PR für Pow-wow-tanzende Indianer unterwegs, beschloss, Managerseminare mit Westernpferden anzubieten. Das bedeutet: Führungskräfte sitzen ohne Sattel auf dem Pferd, das keine Hierarchien und keine Weisungsbefugnisse kennt. Der Manager muss dann in einem Tagesseminar lernen, so sanft auf seinen Gaul einzureden, dass dieser sich bewegt und zwar dorthin, wo für Ross und Reiter das gemeinsame Ziel gesteckt wurde. Da kein Sattel die Verbindung zwischen Mensch und Tier stört, sei dies ein sehr intensives Erlebnis. Das auf der Koppel Erlernte, sollte fortan die Führung der Büromitarbeiter vereinfachen, beflügeln. Um möglichst viele Teilnehmer für den Kurs zu finden, brauchte es intensiver Kommunikationsunterstützung, die die Trainerin bei uns einkaufen wollte. Man mag nun ahnen, was kommt: Natürlich verfügte die Gründerin über keinerlei Mittel dazu und bot uns im Gegenzug ein eintägiges Seminar auf dem Rücken des Pferdes an. Ok – Deal! Wir konnten dem Startup dank diverser PR-Aktivitäten einen ordentlichen Schub geben – nachhaltig, denn, wie ich jüngst googlete: Die Seminare gibt es auch nach 20 Jahren noch! (Weniger nachhaltig waren meiner Erinnerung nach die Erkenntnisse durch das Seminar …)

Geschirr für Brautpaare in spe

Ein zweites Standbein kann nicht schaden dachte sich auch ein befreundetes Grafikdesignerpaar, das irgendwie in Kontakt mit dem Juniorchef einer Porzellanmanufaktur kam. Der hatte das Problem, dass bei der Produktion immer wieder Zweitewahl-Ware entstand, für die er nur einen kleinen Markt durch seinen Fabrikverkauf hatte. Die beiden Designer indes wollten für die fehlerhaften Produkte einen ganz neuen Markt erschließen: durch den Versand von Polterabendgeschirr. (Für die jüngeren Leser: Während junge Menschen wenige Tage vor ihrer Vermählung heute im Hasenkostüm durch die Fußgängerzone rennen oder sich von Passanten Löcher in T-Shirts schneiden lassen, lud man früher Freunde am Vorabend der Trauung zum Poltern ein. Gäste schmissen – nach dem Motto „Scherben bringen (Ehe-)Glück“ – Teller und anderes Steingut auf den Steinboden und zwangen so die Brautleute einen Abend lang zum Zusammenkehren der Scherben.) Die Idee schien eigentlich gar nicht schlecht, und die beiden Kreativen kauften ein paar Kisten leicht beschädigter Teller und Tassen. Ob wir ihnen vielleicht beim Bewerben des neuen Angebots helfen könnten? Im Gegenzug würden wir Gestaltungsleistungen für umme bekommen. Wir würden unsere Aufwände dokumentieren und irgendwie würde das Ganze am Ende ausgeglichen sein. Wieder so ein Deal. Wir publizierten Beiträge in den Sonderbeilagen „Wir heiraten“ regionaler Tageszeitungen, das Internet war damals noch nicht soweit, als dass man relevante Reichweite erzielen hätte können. Wir ließen im Tausch ein Sympra-Büchlein produzieren. Ganz reichte dafür unser Stundenbudget allerdings nicht dafür aus, denn die Nachfrage nach Polterabendgeschirr war a) PR-Speech „überschaubar“ bzw. b) vulgo „gleich null“. Die Vertriebsaktivitäten wurden zeitnah eingestellt. Ich muss gelegentlich mal nachfragen, ob die Kisten von der Porzellanfabrik bei den beiden Kollegen noch irgendwo gefüllt im Keller stehen.

Reden für verdiente Köchinnen

Der Anruf der Dame kam direkt bei mir an. Sie hätte unsere Telefonnummer in den Gelben Seiten recherchiert. (Oha!) Ob wir auch Reden schrieben? (Ja.) Ob sie am Nachmittag bei uns vorbeikommen dürfte. (Gerne.) Um 15 Uhr klingelt es, und eine nette, ältere Dame betrat unsere Lobby. Noch bevor wir uns begrüßen konnten, blickte sei ein wenig hilflos an die Decke in Richtung Obergeschoss und fragte sich – für alle gut hörbar: „Jee, ob ich mir das überhaupt leisten kann?!“ Worum ging’s? Die Dame arbeitete in der Küche eines Krankenhauses und musste bei einer Jubiläumsfeier für zwei verdiente Mitarbeiterinnen eine kleine Laudatio halten. Das war nun auch für uns keine leichte Aufgabe, denn sie wusste partout nichts Positives über die beiden Kolleginnen zu berichten. Wir würden es aber bestimmt hinkriegen, konnten wir sie beruhigen, wir müssten ja immer wieder für kritische Sachverhalte passende Worte finden. Ganz unsicher und beängstigt war sie, was die Bezahlung unserer Leistung anging. (Durchaus zurecht, denn mit unseren Stundensätzen orientieren wir uns eher an der B2B-Welt als an Privatpersonen.) Da die Dame in der Klinikküche arbeitete, schlugen wir vor, sie möge uns doch einfach einen Kuchen backen und dann sei dies für uns okay, zudem eine schöne Übungsaufgabe für unseren Trainee. Sie war begeistert! Die Rede schlug offenbar ein: Die beiden nicht so ganz gut auf sie zu sprechenden Kolleginnen waren zu Tränen gerührt, ihr Chef ob der Formulierungskünste seiner Mitarbeiterin aus dem Häuschen. Mission erfüllt. Tagsdrauf kam die Dame, um ihre Schulden zu begleichen. Sie hatte für uns einen riesengroßen Obstkuchen und eine Sahnetorte gebacken, die Woche darauf kam als Zugabe eine Erdbeertorte. Auch im darauffolgenden Jahr gab es eine Jubilarin und eine Wiederholung des Kuchen-für-Rede-Prinzips. Jetzt haben wir schon eine ganze Weile nichts mehr von der Dame gehört. Ich sollte vielleicht mal bei ihr anrufen?

Wir nehmen aber nicht jedes Angebot an: Eine Künstlerin überlegte, ihr Atelier in die Stafflenbergstraße 32 zu verlegen, hätte aber die Miete zum großen Teil in Bildern bezahlen müssen (ich hätte das durchaus interessant gefunden, meine Kollegen und meine Familie aber nicht.)

Tatsächlich kamen wir mit unserem Naturalientausch nie auf einen grünen Zweig, und das Controlling darf erst gar nicht drauf schauen. Es wäre auf die Dauer auch mühsam, ständig Pressemeldungen für den Bäcker zu texten und Kommunikationskonzepte für die Reinigung zu erstellen. Ich bereue aber auch keines dieser Projekte. Schon allein fürs Storytelling haben sie sich gelohnt.

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Sympra als SOZIAL ENGAGIERT ausgezeichnet

Die Caritas, die Diakonie und das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg haben die Sympra GmbH (GPRA) für ihr soziales Engagement ausgezeichnet. Sympra ist ein Unternehmen, das „wirksam gesellschaftliche Verantwortung und ökonomischen Erfolg miteinander koppelt“. Dafür wurden wir jetzt als SOZIAL ENGAGIERT ausgezeichnet.

Sympra – die Startup-Story

Es war im Herbst 1991, als Helmut v. Stackelberg und ich uns überlegten, uns selbstständig zu machen. Nach gemeinsamen Jahren in der Pressestelle von Standard Elektrik Lorenz (später Alcatel, jetzt Nokia) und zwei Jahren Zusammenarbeit in der PR-Abteilung einer Werbeagentur, waren wir sicher, dass wir auch „unser eigenes Ding“ machen könnten.

An Weihnachten 1991 verabschiedeten wir uns von der Werbeagentur, und gleich nach Neujahr 1992 starteten wir mit Sympra. Unser Geschäftsmodell: Public-Relations-Beratung und Unterstützung für Unternehmen. Das sollte sich auch in der Langversion unseres Firmennamens ausdrücken, mit dem wir heute noch offiziell registriert sind: Gesellschaft für systematische und marktorientierte PR-Arbeit (wobei das „s“ für Stackelberg und das „m“ für Mathauer und Malone, unsere Kollegin und Mitgründerin, stehen).

Wir bezogen ein kleines Büro im Gewerbegebiet in Echterdingen, statteten es mit einigen Möbeln von der Metro aus. PCs und Drucker, eine Telefonanlage – arg viel mehr hatten wir anfangs nicht und brauchten wir auch nicht. Die ersten Visitenkarten waren selbstgebastelt. Wir hatten das Glück, dass wir mit dem Kundenstamm starten konnten, den wir bereits in der Werbeagentur betreut hatten. Darunter war ein Unternehmen, das Software für Architekten herstellte; ebenfalls ein Startup, wenngleich deutlich größer als wir und mit schnellem Wachstum. Das war gut, denn das PR-Budget stieg entsprechend an. Außerdem unterstützten wir die Presseabteilung unseres ehemaligen Arbeitgebers, des Telekommunikationsanbieters, der uns 23 Jahre lang treu bleiben sollte. Auf dieser Basis konnten wir aufbauen.

Wir waren schnell zu viert, wenige Monate später zu sechst, dann zu acht usw. Bereits nach einem guten Jahr war unser Büro zu klein, und wir nutzten die Gelegenheit, die freie Etage über uns mit 250 qm komplett zu beziehen. Unser 10-jähriges Bestehen feierten wir dann bereits in der Stafflenbergstraße, wo wir jetzt unseren 25. Geburtstag begehen.

Okay, stimmt so, aber …

 … tatsächlich kann man die Story auch ein bisschen anders erzählen. Nämlich so: Im Herbst 1991 merkten wir, wie schief die Schieflage der Werbeagentur wirklich war. Die Zukunft dieses Unternehmens war … eingeschränkt rosig. Wir überlegten, ob das Outsourcing unserer PR-Abteilung eine Option sein könnte. Ich war damals 27 Jahre alt, experimentierfreudig, hatte wenige Verpflichtungen und Lust, den Schritt in die Selbstständigkeit zu probieren.

Auch wenn die Kunden, die wir in der Werbeagentur betreut hatten, alle zu uns gekommen wären – mit keinem Kunden hatte die Agentur einen schriftlichen Vertrag geschlossen, es gab für uns keine Nachfolger und schließlich war es den meisten Kunden egal, unter welcher Marke „ihre“ Betreuer sie beraten – wollten wir verhindern, dass es zu Missstimmungen oder gar zu juristischen Auseinandersetzungen kommt. Also hatten wir einer Provisionsregelung zugestimmt, deren Trageweite wir damals als Gründer nicht so recht überrissen hatten. (Zum Glück – für uns – musste die Werbeagentur sechs Monate später Insolvenz anmelden, womit die Provisionszahlungen endeten.)

Wir hatten ursprünglich vor, unsere Kunden als Gruppe von Einzelberatern zu betreuen, jeder „seine“. Leistungen von Kollege zu Kollege sollten per internem Verrechnungssatz fakturiert werden, Leistungen wie Kopierer oder die Miete sollte eine Servicegesellschaft übernehmen. Dass dieses Prinzip nicht klappt, merkten wir schon nach wenigen Wochen.

Mit Buchhaltung hatte keiner von uns so recht was am Hut, trotz wirtschaftswissenschaftlichem Studium. Wir kopierten das System der Rechnungsnummern, wie wir es von der Werbeagentur her kannten. Obwohl wir ein kleiner Laden waren, verloren wir schnell den Überblick – und vermutlich auch Geld, weil wir vergaßen, Rechnungen zu stellen etc. (Bei der Werbeagentur lief das ähnlich, und das war bestimmt mit ein Grund für deren Ende.) Wir reagierten auf die Anzeige eines Buchhalters, der sich soeben selbstständig gemacht hatte und seine Leistungen offerierte. Bis heute kümmert er sich um unsere Buchhaltung – Gottseidank!

Eine befreundete Steuerberaterin riet uns dringend, eine GmbH zu gründen, damit wir einen sauberen und sicheren Rahmen hätten, um unserem Geschäft nachzugehen. Am 23. April 1992 wurde die Sympra GmbH offiziell ins Amtsregister eingetragen. Für die Vertragsgestaltung leisteten wir uns einen richtig guten Anwalt einer für uns eigentlich viel zu großen Kanzlei. Dieser Aufwand hat sich gelohnt, denn ein durchdachter Vertrag gibt Sicherheit – auch wenn man ihn eigentlich gar nicht braucht bzw. gerade darum!

Wir hatten Erfolg von Anfang an. Wir haben vieles nicht falsch gemacht. Mit der Erfahrung von 25 Jahren als Unternehmer weiß ich heute, dass ich einige anders machen würde. Damals gab’s aber keine Gründerzentren, in denen man sich vernetzen kann, keine Mentoren, die einen in der Anfangszeit begleiten, keine Akzelerationsprogramme, die einen schneller nach vorne bringen. Oder wir haben sie einfach nur nicht gefunden. Oder glaubten, sie nicht zu brauchen. Ich bin mir da nicht mehr sicher.

Und was rate ich heute einem Gründer?

Ich habe den Schritt zum Entrepreneur nie bereut. Kommilitonen haben Karriere gemacht in Banken und Unternehmen, verdienen zum Teil viel mehr als ich. Ich habe die Verantwortung für meine Firma, meine Mitarbeiter – wenn die Agentur den Bach runterginge, würde dies mein Privatvermögen erheblich belasten. Alle meine Kollegen können kündigen, ich nicht. Die 40-Stunden-Woche steht in meinem Geschäftsführervertrag, die schaffe ich nur sehr selten (außer, die Woche hat einen Feiertag). Trotzdem gehe ich seit 1992 ausnahmslos jeden Tag gerne ins Büro. Also: Wer es wirklich will, der sollte es auch machen!

Selbstständigkeit mangels Alternativen halte ich für schwierig.
Selbstständigkeit, obwohl man doch lieber die Vorzüge eines Angestellten haben möchte, halte ich für aussichtslos.

Wer seine eigene Firma gründen will, der sollte unbedingt das Beratungsangebot von IHKen, Gründerzentren, Inkubatoren und was es noch so alles gibt, annehmen. Gute Verträge zwischen den Gesellschaftern, mit Mitarbeitern, mit Kunden und Lieferanten sind Gold wert. Eine funktionierende Administration von Anfang an ist ein Muss. Der finanzielle Aufwand lohnt leider. Wir haben an einigen Stellen unnötigerweise Lehrgeld bezahlt oder auf Umsatz verzichtet.

Und schließlich: Auch wenn man alles besser macht als wir damals, vermeintlich alles richtig: Fehler lassen sich nicht ausschließen. Enttäuschungen übrigens auch nicht. Solange das alles nicht existenzbedrohend ist, härtet es ab und erweitert den Erfahrungsschatz.

Das gilt übrigens nicht nur für die Gründungsphase, sondern auch noch nach 25 Jahren.

Heather Malone, Veit Mathauer, Helmut v. Stackelberg: Agenturgründung in Zeiten wild gemusterter Krawatten.

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Was Startups von Werner Siemens lernen können

Startups schießen zurzeit wie Pilze aus dem Boden, einige Gründer können inzwischen fantastische Erfolgsgeschichten erzählen, disruptive Geschäftsideen werden zur Gefahr für traditionelle Unternehmen: Seit ein paar Jahren geht eine Gründungswelle durchs Land. Selbst Konzerne engagieren sich bei Startups oder initiieren selber welche, um von der Kreativität, dem Macher-Spirit und der Risikobereitschaft der Enterpreneurs zu profitieren.

Gerade herrscht Aufbruchstimmung wie noch nie. Wie noch nie? Das stimmt nicht ganz. Vor 150 Jahren gab’s schon einmal eine Gründerzeit. Ihre Dynamik scheint aus heutiger Perspektive noch viel gewaltiger als all das, was New Economy, Web 2.0 und Industrie 4.0 verändert haben und verändern. Damals ging es um grundlegende Entdeckungen wie z. B. die Elektrizität und Telegrafie – Technik, die die Grundlage für die Industrialisierung und das moderne Leben gelegt hat.

Damals tüftelten auch Werner Siemens und sein Kompagnon Johann Georg Halske an der Telegrafentechnik, die später Städte, Länder und Kontinente miteinander verbinden sollte. Glühbirnen, Elektrobahnen und vieles mehr entwickelten und vermarkteten die beiden zusammen, zunächst in einer Wohnung, dann in einer Werkstatt, später in Fabriken. Aus ihrem Startup entstand schließlich der international agierende Konzern, die Siemens AG.

Das Buch „Der Brodelnde Geist“ erzählt das Leben des Gründers und Unternehmers Werner Siemens, anhand von Briefen, die er seiner Frau, seiner Familie und seinen Geschäftspartnern geschrieben hat. Die Lektüre des aufwändig gestalteten Werks macht Spaß zu lesen, fesselt, vermittelt Wissen und versetzt den Leser in eine der spannendsten Epochen der Wirtschaftsgeschichte.

Ich habe das Werk mit großem Interesse gelesen und einiges daraus auch für die heutige Gründergeneration mitgenommen:

  • Wer gründen will, braucht eine Vision, braucht Willen, braucht Wissen. Muss seine Idee unbedingt verwirklichen wollen.
  • Hinter einem erfolgreichen Enterpreneur stehen Lebenspartner und Familie, die Verständnis aufbringen, das Projekt „Unternehmen“ unterstützen, es wenigstens nicht torpedieren. (Werner Siemens’ Gattin war seine Beraterin und Mentorin bis zu ihrem Tod; auch seine zweite Frau bekräftigte ihn immer bei seinen Aktivitäten. Sein Bruder Wilhelm baute das Geschäft in Großbritannien auf. Seine Söhne begeistern sich ebenfalls für die Firma.)
  • Ein Gründer braucht gute Partner. Die erfolgreichsten Jungunternehmer sind diejenigen, die einen Kompagnon haben, der seine Stärken einbringt und eine Kongenialität schafft. Bei Siemens war es Halske. Bei Jobs war es Wozniak.
  • Networking ist wichtig. Sich mit anderen austauschen, seine Ideen bekannt machen, sich zusammentun, um Größeres zu entwickeln. Viele der Siemens’schen Erfolge beruhen auf seinen Beziehungen zu Wissenschaftlern, anderen Unternehmern, Multiplikatoren. Und zu dieser Zeit war es deutlich komplizierter, über weite Distanzen den Kontakt zu halten.
  • Ein Gründer braucht Mut (z. B., um ein Unterseekabel von Europa nach Amerika zu verlegen) und Durchhaltevermögen (z. B. wenn das Kabel bei den Verlege-Arbeiten mitten im Atlantik verloren geht.). Am Ende wird alles gut (z. B. wenn auf den dritten Anlauf das Kabel in zig Tausend Meter Tiefe doch noch gefunden wird).

Das Buch sollte lesen, wer sich für die Startup-Szene Mitte des 19. Jahrhunderts interessiert, wer das Leben und den Aufstieg eines Industriellen durch dessen Briefe kennenlernen möchte, wer von den Erfahrungen eines erfolgreichen Unternehmensgründers lernen will und wer gerne ein liebevoll gestaltetes und aufwändig verarbeitetes Werk in der Hand hält.

Nathalie von Siemens
Der brodelnde Geist. Werner von Siemens in Briefen
Eine moderne Gründergeschichte
EUR 39,90, 200 Seiten, mit ca. 50 Abbildungen
ISBN: 9783867745581

Große Erwartungen

Fall 1: Unsere Partneragentur hat bereits versucht, die Erwartungen des Kunden zu dämpfen: Der Gewinn eines Auftrags für die Gestaltung einer Fanseite für ein internationales Event – ja, dazu kann man eine Presseinformation schreiben, sollte aber nicht denken, dass sie mehr als ein paar Mal als Kurzmeldung in der Rubrik Etatgewinne der einschlägigen Medien veröffentlicht wird. Kommunikationsstrategie ist nicht gefragt, der Kunde, eine Webagentur aus den USA, will partout einmalig einen Pressetext versenden und lässt uns die englische Version der Presseinfo zukommen. Die ist eineinhalb Seiten lang mit ausführlichen Erläuterungen über den Kunden (kennt in Deutschland niemand), über den Inhalt der Seite (ja, könnte Relevanz haben) und natürlich die Agentur selbst (mit Sitz in den USA). Wir schreiben aus den Informationen eine Meldung, wie sie deutsche Redaktionen lieber sehen und wie sie eine Chance auf Veröffentlichung haben könnte, stellen einen Verteiler zusammen, stimmen – über unsere Partneragentur – den Text mit dem CEO des Kunden ab. Der ist allerdings gar nicht erfreut über unsere Textanpassungen, die er sich von einem deutschen Muttersprachler hat rückübersetzen lassen, moniert, dass Inhalte weggefallen seien (richtig), dass er überhaupt mal alle zu versorgenden Medien sehen will (gerne) und vor allem unseren strategischen Plan kennenlernen möchte (siehe oben).

Fall 2: Neulich fragt ein Trainer bei uns an, ob wir ihm einen Wikipedia-Beitrag schreiben könnten. Er hat’s schon dreimal versucht und dreimal wurde der Beitrag gelöscht. Die Ursache dafür könnte gewesen sein, dass sich der Trainer vor kurzem erst selbstständig gemacht hat und bis dato keine einschlägige Vita und keine relevanten Referenzen vorweisen konnte. Ich versuche, ihm dies zu erläutern – er ist enttäuscht.

Fall 3: Wir sitzen mit einem potenziellen Kunden zwei Stunden zusammen. Er erklärt uns seine neue, bisher einmalige Software zur Steuerung von Außendienstmitarbeitern, deren Abverkauf er durch Medienarbeit unterstützen lassen möchte. Klingt interessant. Bevor wir ihm ein Angebot über unsere Dienstleistungen erstellen, googlen wir. Unter den Top-10(!)-Ergebnissen glauben wir mindestens drei Lösungen gefunden zu haben, die mit seiner konkurrieren müssten. Wir fragen nach, er gesteht, dass dem tatsächlich so sei und dass er bisher keine davon gekannt habe. Der Ansatz der Innovation entfällt, was ihn ärgert.

Fall 4: Und schließlich: Der Marketingverantwortliche eines Softwarehauses fragt, ob wir eine Pressemeldung zu einer Aktion schreiben könnten, bei der zehn Anwender seiner Software einen Beratungsgutschein über EUR 70 gewinnen können. Nein, können wir nicht. Er sieht’s ein.

Als Kommunikations-Professionals wissen wir, auf was es bei der PR (alternativ beim Storytelling und beim Content Marketing) vor allem ankommt: auf Relevanz. Wir haben die Aufgabe, dies den Kunden zu erklären, die subjektiv empfundene Wichtigkeit ihrer Themen notfalls zu relativieren, Erwartungen zu dämpfen. Das ist manchmal schwierig, kann zu Enttäuschungen führen, ja sogar zu Verärgerung, schlimmstenfalls dazu, dass man – wie jetzt im Fall der amerikanischen Webagentur – halt nicht zueinander findet. Aus meiner langjährigen Erfahrung weiß ich, dass eine ehrliche Einschätzung der Erfolgschancen einer Aktion am Ende für alle Beteiligten viel besser ist als enttäuschte große Erwartungen.

 

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