Wenn aus einem Mandat eine Mission wird

Vor einigen Monaten haben wir einen Pitch gewonnen. Es ging um Kommunikationsunterstützung für eine Gruppe von Mitgliedern in der Vollversammlung der IHK Region Stuttgart. Dass es in diesem Gremium seit einiger Zeit rumort, war mir aus der Lektüre der Tageszeitung bekannt.

Was war geschehen? Aus den Reihen der Stuttgart-21-Gegner formierte sich eine Gruppe IHK-kritischer Unternehmer, die der Kammer vor allem ihre Positionierung zugunsten des Bahnprojekts übelnahmen. Bereits vor acht Jahren schafften es Mitglieder dieser „Kaktus-Initiative“, in die IHK-Vollversammlung gewählt zu werden. Dazu muss man wissen, dass dieses Gremium die regionale Wirtschaft vertritt und der IHK-Geschäftsführung die Richtlinien für ihr Handeln vorgibt. Bei der letzten Wahl vor vier Jahren konnten die Kammerkritiker ihre Unterstützer so gut aktivieren, dass sie aktuell rund ein Drittel der Plätze in diesem „Parlament“ belegen.

Wie diese Gruppierung ihren Reformeifer lebt, konnte ich bereits in der ersten Sitzung der Vollversammlung, der ich als Gast beiwohnte, erleben. Eine Dreiviertelstunde wurde über die Reihenfolge der Tagesordnungspunkte diskutiert, anschließend rügten die Kakteen das Präsidium, weil das Protokoll der vergangenen Sitzung nicht pünktlich zugestellt wurde, Ständige Wortmeldungen sorgten dafür, dass man in der Agenda stockend oder gar nicht vorankam. Trotz aller Provokation blieben die Akteure auf dem Podium souverän und versuchten, den geordneten Ablauf sicherzustellen. Als die Wortmeldung eines Kritikers nicht gleich beachtet wurde, verließen sämtliche Mitglieder der Kakteengruppe die Versammlung – so gut choreografiert übrigens, dass es sich offensichtlich nicht um eine spontane Reaktion handeln konnte. Mit dem Ergebnis, dass man nicht mehr abstimmfähig war, weil nicht mehr die vorgeschriebenen 50 Prozent der Mitglieder anwesend waren. Dutzende von Inhabern, Geschäftsführern und Vorständen bekannter Unternehmen der Region konnten nach Hause gehen. Ähnlich verliefen auch all die anderen Sitzungen der Vollversammlung, bei denen ich zugegen war.

Darüber hinaus liegt das Hauptaugenmerk der Kakteen auf zahlreichen Klagen gegen das Präsidium, Schmähungen über soziale Medien bis hin zur Verbreitung von nachweislichen Unwahrheiten.

Bisschen Piesacken tut doch gut, oder?

Stimmt: Eine Institution wie eine Industrie- und Handelskammer ist sicher kein Schnellboot, und es gibt einige Bereiche, die man effizienter oder effektiver aufstellen kann. Kritisches Hinterfragen und außergewöhnliche Ideen bringen hier frischen Wind.

Aber darum geht es gar nicht.

Mein Eindruck ist, dass die Kammerkritiker das System IHK per se unterminieren wollen. Dass es ihnen ein Dorn im Auge ist, dass hier die Wirtschaft in Eigenregie (aber im staatlichen Auftrag) die duale Ausbildung, Unterstützung beim Export und letztlich auch Lobbying zugunsten der Unternehmen (in der Region Stuttgart sind das mehr als 160.000) organisiert.

Als Unternehmer nervt es mich sehr

Auch, wenn meine Agentur viele Dienstleistungen der IHK nicht in Anspruch nimmt oder nehmen muss, so profitieren auch wir davon. Indirekt, weil unsere Kunden ihre Lehrlinge mit Kammerhilfe ausbilden lassen oder ihr internationales Geschäft ausbauen. Direkt, weil es hier immer einen Ansprechpartner gibt, der Auskunft geben kann zu oft sehr speziellen Fragen oder weiß, wo die richtigen Antworten zu finden sind. Ich erlebe selbst, mit welchem Einsatz sich Unternehmer und Geschäftsführer ehrenamtlich in den zahlreichen Gremien der IHK engagieren. Und ich sehe, wie sich die Mitarbeiter der Kammer in der aktuellen Krise um die vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen der Region kümmern.

Wenn dann eine kleine Gruppe öffentlichkeitswirksam Haupt- und Ehrenamt verklagt und beschimpft, Versammlungen aus Protest sprengt oder mit sinnarmen Anfragen Kammerpersonal tagelang beschäftigt, dann ärgert mich das. Als Unternehmer und als Kammermitglied.

Demnächst sind Wahlen zur Vollversammlung der IHK. Wenn wir vermeiden wollen, dass wir in Stuttgart verheerende Zustände wie bei der Handelskammer Hamburg bekommen, dann empfehle ich den Besuch der Website www.pro-wirtschaft-stuttgart.de, wo ausführlich zur Situation in der Vollversammlung nachzulesen ist. Und anschließend die richtigen Kreuzchen zu setzen.

 

Über die Initiative pro Wirtschaft Stuttgart: Rund 30 Unternehmer, Geschäftsführer und Vorstände von Unternehmen der Region – viele von ihnen Mitglieder der IHK-Vollversammlung – haben die Initiative pro Wirtschaft Stuttgart gegründet. Ihr Ziel ist es, Aufgaben und Nutzen der Industrie- und Handelskammer für ihre Mitgliedsunternehmen und die Wirtschaft in der Region den Mitgliedern und Öffentlichkeit bekannt zu machen. Zudem will sie Hintergrundinformationen zu erklärungsintensiven Themen rund um die IHK und ihre Bezirkskammern liefern und sachliche Diskussionen darüber führen. https://www.facebook.com/InitiativeproWirtschaftStuttgart/

Bildquelle: IHK Region Stuttgart/Thomas Wagner

Über den Verfasser

Veit Mathauer ist einer der beiden Geschäftsführer von Sympra. Wirtschaftswissenschaftler, Journalist, PR-Mensch, Boardmitglied im internationalen Public Relations Network (PRN) und Blogger. Ansonsten auch in den einschlägigen sozialen Netzwerken zu finden.

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