Raphael Pohland, Grafikdesignpartner von Sympra, Kunde und Freund des Hauses, ist vor ein paar Monaten nach Dubai gezogen. Was macht man da eigentlich? Und wie lebt es sich in dieser neuen Welt? Warum zieht derzeit es so viele in die Vereinigten Arabischen Emirate? Wir wollten es genau wissen und haben ihn gefragt.

Hey Raphael, viele Grüße nach Dubai. Was machst Du denn hier?
Ich arbeite in Dubai bei der DEECKE HOLDING, einem deutschen Unternehmen, das seinen Hauptsitz inzwischen hier hat und zusätzlich Niederlassungen in Deutschland und Südafrika betreibt. Die DEECKE HOLDING folgt vier strategischen Säulen: Finanzprodukte, Immobilien, Marketing & Communications sowie die Vermietung von Luxus-Villen in Südafrika. Wir unterstützen Kunden, die eine Immobilie in Dubai suchen oder strukturierte Anlagemöglichkeiten schätzen. Zudem bieten wir Urlaubserlebnisse in Luxusvillen in Südafrika an.
In diesem Kontext bin ich Managing Director der DEECKE Creative Agency. Das heißt, ich trage die Verantwortung für internes Marketing, Branding und Kommunikation über alle Geschäftsbereiche hinweg. Unser Team entwickelt Markenarchitekturen, Positionierungen, Kommunikationsstrategien, Leadgenerierung über Performance Marketing, die sowohl intern als auch extern funktionieren – in verschiedenen Märkten und kulturellen Kontexten.
Darüber hinaus unterstützen wir auch externe Kunden, darunter viele deutsche Unternehmen, beim Markteintritt in Dubai und den VAE. Das reicht von strategischer Positionierung über Marken- und Kommunikationsdesign bis hin zu praktischer Umsetzung vor Ort.
Arbeitest Du auch mit einheimischen Unternehmen zusammen, oder befindest Du Dich eher in einer internationalen Bubble?
Mein Büro ist in der Business Bay, ich wohne in Downtown. Mein beruflicher Alltag spielt sich zwischen Marketing, Finanzen, Immobilien und Unternehmern aus unterschiedlichsten Nationen ab. Europäer, Asiaten, Afrikaner, Amerikaner. Dubai ist in dieser Hinsicht ein globaler Knotenpunkt.
Direkte Berührungspunkte mit Emiratis habe ich bislang kaum. Das liegt weniger an Abschottung, sondern an der Struktur der Stadt. Rund 85 bis 90 Prozent der Bevölkerung sind Expats. Viele Geschäftsbereiche, insbesondere im Finanz- und Immobilienumfeld, werden operativ stark von internationalen Akteuren getragen. Die Emiratis begegnen einem vor allem auf institutioneller Ebene, in Behörden, bei strategischen Projekten oder als Eigentümer größerer Strukturen. Im operativen Tagesgeschäft bewegt man sich jedoch oft in einer sehr internationalen Bubble.
Das ist interessant, weil Dubai dadurch weniger wie eine klassische nationale Wirtschaft wirkt und mehr wie eine globale Plattform. Man arbeitet nicht primär mit „Einheimischen“ oder „Ausländern“, sondern mit Menschen, die alle aus einem anderen Kontext kommen und hier unter denselben Spielregeln agieren. Diese Spielregeln verbinden stärker als Herkunft. Und genau das macht die Dynamik hier aus.
Du lebst und arbeitest seit einigen Monaten in Dubai. Was hat Dich veranlasst, Stuttgart hinter Dir zu lassen und hier neu starten?
Es war weniger ein Weglaufen als eine neue Erfahrung. Ich hatte irgendwann das Gefühl, dass ich etwas Neues machen musste. Die Geschichten, die ich aus Marketing- und Brandingsicht erzählt habe, fühlten sich für mich auserzählt an. Nicht falsch. Aber zu vertraut. Ich kannte die Mechanik, die Dramaturgie, die Argumentationsmuster. Und genau das hat mich unruhig gemacht.
Stuttgart steht für Stabilität, Struktur, Planbarkeit. Das schätze ich bis heute. Aber ich merkte, dass ich mich in dieser Sicherheit ein Stück weit eingerichtet hatte und ich gemerkt habe, wie mich die verkrusteten Prozesse und regulatorischen Spielregeln immer mehr herausgefordert haben. Man versucht sich in Dauerregulationsschleifen zu bewegen. Aber man darf nicht rennen, sondern immer über Hindernisse steigen. Man richtet sich ein, man akzeptiert. Irgendwann wiederholt man sich.
Dubai hat mich gereizt, weil hier das Spielfeld größer wirkt. Ich wusste nicht, was mich erwartet. Und ich hatte auch keinen Plan hierher zu gehen. Es hat sich ergeben. Ganz ehrlich: Es ist lauter hier. Direkter. Luxuriöser. Ich stolpere regelmäßig darüber. Aber genau das war der Punkt. Ich wollte Reibung.

Wie unterscheidet sich der Mindset zwischen den Geschäftsleuten in Dubai von denen in Deutschland?
Für mich liegt der Unterschied weniger in Kultur als in der Haltung zu Entscheidung, Risiko und Verantwortung.
In Dubai wird schneller entschieden und klarer gesprochen. Der Ton ist direkter, gelegentlich rau, selten verklausuliert. Man sagt, was möglich ist, was es kostet und bis wann es umgesetzt wird. Geschwindigkeit ist keine Pose, sondern Erwartung. Entscheidungen müssen funktionieren, sie müssen nicht erst ausführlich erzählt oder moralisch eingeordnet werden.
Risiko gehört selbstverständlich dazu. Es wird kalkuliert und trotzdem getragen. Scheitern beschädigt den Ruf nicht automatisch, solange Verantwortung übernommen wird. In Deutschland wird Risiko intensiver analysiert, dokumentiert und strukturell abgesichert. Das ist präzise und professionell, aber es verlangsamt Bewegung.
Ein weiterer Unterschied liegt im System. Gründen und Investieren ist in Dubai rechtlich vergleichsweise unkompliziert. Weniger Regularien, weniger Prozessschleifen, weniger administrative Reibung. Die Gesetze wirken so, als seien sie für Menschen gemacht, die etwas vorhaben. Gleichzeitig sind die Spielregeln klar definiert und werden konsequent eingehalten. Genau das schafft Vertrauen.
Bemerkenswert ist, dass dieses Modell in einer Stadt funktioniert, in der rund 85 bis 90 Prozent der Bevölkerung Ausländer sind. Multikulturell, dicht, ambitioniert und dennoch stabil. Die Sicherheit entsteht aus klaren Regeln, die für alle gelten.
Was mich zusätzlich überrascht hat: Luxus ist hier selbstverständlicher Teil der Unternehmenswelt. Geschäftstermine finden in Räumen statt, die eher Galerie als Konferenzraum sind. Gespräche über Millionen laufen bei Trüffelpasta und Champagner. Glanz wird nicht als Widerspruch zur Seriosität gesehen, sondern als Ausdruck von Leistungsfähigkeit. Erfolg darf sichtbar sein.
Für meine schwäbische Sozialisierung ist das aber alles ein wenig zu laut. Ich staune und versuche zu realisieren und zu akzeptieren. Ich arbeite aber noch daran. Manchmal ertappe ich mich, wie ich mit meinem schlesisch-schwäbischen-pietistisch-katholischen Kopfmischmasch darüber stolpere. Noch nie war open minded so schwer wie in Dubai. Ich komme aus einer Welt, in der man Erfolge eher introvertiert realisiert und Zahlen lieber intern diskutiert. Hier wird Präsenz offensiver gelebt. Man zeigt, was man kann. Man zeigt, was man erreicht hat. Ich staune darüber regelmäßig und merke, wie mein geerdeter Reflex manchmal kurz die Stirn runzelt. Gleichzeitig lerne ich, dass Sichtbarkeit hier Teil des Spiels ist und dass sie Substanz nicht ersetzt, sondern flankiert. Es gibt sehr viele Egos. Vielleicht sind sie aber der größenwahnsinnig-napoleonische Impuls, den es hier benötigt.

Welche Learnings hast Du bereits gemacht, und welche kannst Du uns weitergeben? Wo können wir von Dubai lernen oder kopieren?
Mein wichtigstes Learning ist: Klarheit ist produktiver als Komfort. Viele Diskussionen, die wir für Tiefe halten, sind in Wahrheit Aufschub. Wenn man gezwungen ist, schneller Position zu beziehen, spart das enorme Energie.
Ein zweites Learning betrifft den Umgang mit Risiko. Dinge werden gestartet, getestet, korrigiert. Perfektion entsteht im Prozess. Diese Iterationskultur ist effizient und reduziert unnötige Rechtfertigungsrunden. Verantwortung wird übernommen, statt verteilt.
Ein drittes Learning liegt im Zusammenspiel von Freiheit und Begrenzung. Weniger Detailregulierung, mehr klare Prinzipien. Wenn Erwartungen transparent sind und Konsequenzen nachvollziehbar bleiben, entsteht Ordnung ohne Daueraufsicht. Dieses Modell funktioniert selbst in einer extrem vielfältigen Gesellschaft. Vielfalt braucht Klarheit.
Kopieren lässt sich vor allem der Mut zur Entscheidung, die Reduktion auf Wesentliches und das Vertrauen in individuelle Verantwortung. Ebenso der selbstbewusste Umgang mit unternehmerischer Präsenz. Leistung darf sichtbar sein. Leistung wird nicht argwöhnisch betrachtet, sondern als Resultat von Erfolg. Hier wird gemacht, statt sich hinter Exceltabellen zu verstecken. Entscheidungen müssen hier nicht erst als „richtig“ erzählt werden, um getroffen zu werden. Sie müssen funktionieren. Die Bewertung kommt später. Das reduziert Theater, Meetings und PowerPoint-Folklore erheblich.
Was man nicht kopieren sollte, ist Tempo ohne Struktur. Geschwindigkeit funktioniert nur dort nachhaltig, wo Regeln klar sind und Durchsetzungskraft vorhanden ist. Aktionismus ohne Verantwortung erzeugt Chaos. Mein persönliches Fazit: Weniger erklären. Klarer entscheiden. Risiken benennen und trotzdem handeln. Und akzeptieren, dass ein rauerer Ton manchmal ehrlicher ist als ein perfekt formulierter Konsens.
Was funktioniert besser in Deutschland? Was vermisst Du von Deinem Arbeitstag in Stuttgart?
Ich vermisse die Nähe zur Natur. In Stuttgart war sie Teil des Alltags. Ein kurzer Weg ins Grüne, Wald, Weinberge, Jahreszeiten, die man wirklich spürt. Hier in Downtown ist alles dichter, vertikaler, künstlicher. Die Stadt pulsiert, aber sie atmet anders. Natur ist hier mehr geplant.
Und ganz klar: Ich vermisse meine Familie und meine sozialen gewachsenen Kontakte. Momentan bin ich alleine hier. Das verändert den Rhythmus eines Arbeitstages stärker als jedes Meeting oder Projekt. Erfolg, Tempo, neue Impulse – all das fühlt sich anders an, wenn man sie nicht unmittelbar teilen kann.
Dubai ist ja geschäftiges neues Zentrum im Nahen Osten geworden. Wie ist das Leben jenseits der Arbeit? Was machst Du abends und an Wochenenden?
Dubai wird oft als reine Arbeitsmaschine beschrieben. Das stimmt nur halb. Jenseits der Meetings ist das Leben hier erstaunlich lebendig. Ich bin sehr offen empfangen worden und habe in kurzer Zeit viele neue Bekanntschaften gemacht. Das liegt sicher auch daran, dass die Stadt stark von Expats geprägt ist. Viele Menschen sind neu hier, viele bauen sich gerade etwas auf. Dadurch entsteht eine gewisse Offenheit. Man kommt schneller ins Gespräch, Netzwerke bilden sich unkompliziert.
Am Wochenende gibt es eine enorme Bandbreite an Möglichkeiten. Grillen in der Wüste unter freiem Himmel, Strandtage am Meer, spontane Besuche in Galerien oder bei Events. Die Stadt bietet eine fast überfordernde Auswahl. Man kann sehr aktiv sein oder sich einfach treiben lassen.
Was ich persönlich sehr schätze, ist etwas Banales: Ich sitze gerne im Café. Beobachten, lesen, nachdenken. In Downtown gibt es dafür unzählige Orte. Die Mischung aus internationalem Publikum, Architektur und permanenter Bewegung hat ihren eigenen Reiz. Dubai ist schnell, ja. Aber es bietet auch viele Räume, in denen man Tempo bewusst herausnehmen kann. Man muss sie nur nutzen.
Wie ist das kulturelle Angebot in Dubai?
Das kulturelle Angebot in Dubai ist größer, als man von außen vermuten würde, aber es funktioniert anders als in europäischen Städten. Es gibt eine lebendige Kunstszene, vor allem in Alserkal Avenue in Al Quoz. Dort entstehen Ausstellungen, Projekträume, Archive, kleinere Festivals. Vieles ist international geprägt, experimentell, temporär. Kunst ist hier weniger historisch gewachsen, mehr kuratiert und bewusst gesetzt. Manchmal wirkt es ein wenig kuratiert dirty.
Dazu kommen Museen, internationale Messen, Design-Events, Architektur, Mode, Musik. Die Stadt importiert kulturelle Impulse aus aller Welt und setzt sie in einen eigenen Kontext. Das wirkt manchmal wie eine gut organisierte Dauer-Inszenierung, manchmal überraschend roh. Was man weniger findet, ist das organisch gewachsene Milieu mit jahrzehntelanger Patina. Dubai ist jung. Kultur entsteht hier parallel zum Städtebau. Sie hat Tempo. Sie hat Kapital. Sie hat Bühne. Ich würde sagen: Dubai ist kulturell kein Archiv, sondern ein Experimentierraum. Wer Geschichte sucht, wird weniger fündig. Wer Gegenwart und Dynamik sucht, hat hier eine erstaunliche Auswahl

Kommst Du wieder zurück nach Deutschland?
Das lasse ich mir bewusst offen. Ich bin noch nicht lange genug hier, um eine abschließende Entscheidung zu treffen. Ein Standortwechsel ist mehr als ein beruflicher Schritt. Dafür braucht es Zeit. Entscheidend ist für mich auch die familiäre Situation. Ob meine Familie nachkommt, wie sich das für alle anfühlt, welche Dynamik entsteht. Das wiegt schwerer als jede berufliche Überlegung. Im Moment geht es für mich darum, Erfahrungen zu sammeln, zu lernen und ehrlich zu prüfen, wie tragfähig dieser Schritt ist. Alles Weitere ergibt sich aus der Realität. „Inschallah“, wie man hier sagt. Wenn Gott will. Oder etwas nüchterner: wenn es sich richtig fügt.
Vielen Dank für die Einblicke, Raphael.
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