Vom Twittern – oder: vom Zuhören

Selbst die Fehlermeldungen von Twitter haben einen besonderen Charme
Selbst die Fehlermeldungen von Twitter haben einen besonderen Charme

Wer sich mit Social Networking und Social Media auseinandersetzt, der muss häufiger erklären, was es so auf sich hat mit diesen neuen Netzwerken, Diensten, Verhaltensweisen im Netz. Wikipedia, Youtube und Flickr gehören zu den leichteren Übungen – auch weniger onlineaffine Menschen haben von diesen Social Media Sites bereits gehört oder nutzen sie sogar regelmäßig.

Ganz anders bei Twitter (Wikipedia-Definition). Hier hört der Spaß bei vielen meiner Gesprächspartner auf. Kopfschütteln ist die Reaktion. Was will man auch anderes erwarten, wenn man Unbeteiligten erklärt, dass sich bei Twitter erwachsene Menschen gegenseitig Hunderte, gar Tausende 140-Zeichen-Botschaften in kürzester Zeit senden, und das auch noch großteils öffentlich? Was um alles in der Welt das soll, wer dazu Zeit und Muße hat?

Ich gebe zu: ich.

Ja, ich, und ich gebe ferner zu: Als Twitter 2006 aufkam und die Welle 2007 nach Deutschland schwappte, gehörte ich selbst zu den größten Skeptikern, unkte bei jeder Gelegenheit über “Belanglosigkeit 2.0”. Wie kommt es nun zu dieser 180-Grad-Wendung meiner Perspektive auf die 140-Zeichen-Botschaften? Führe ich mir vor Augen, wie die Medien Twitter damals vorgestellt haben, ist diese Skepsis rückblickend immer noch verständlich. Der Dienst diene dazu, regelmäßig in 140 Zeichen alle Welt wissen zu lassen, was man im Moment tut. Ich kenne nur sehr wenige Menschen, die ein so interessantes Leben führen, dass ich mich mehrmals am Tag nach der Beantwortung dieser Frage sehne. Und diese Menschen sind leider… nicht durchweg Twitter-Nutzer. Ach ja: Ich sitze im Moment am Computer.

Warum habe ich also Twitter eine Chance gegeben – vielmehr: mir bei Twitter eine Chance gegeben?

Twitter ist für mich persönlich innerhalb kurzer Zeit eine geschätzte Informationsquelle und nützliche Kommunikationsplattform geworden. Klar gibt es dieses Grundrauschen. Klar twitterte @rednix schon: “Ich habe gerade geniest” oder @kosmar heute: “lese fremde xing profile zur beruhigung.” Dennoch oder gerade deshalb stelle ich fest: Vor allem durch Mitlesen – durch “Zuhören” im Web 2.0 – wird die Microblogging-Plattform wertvoll, ein Werkzeug, mit dem ich bezüglich aktueller Trends in meinen Interessenbereichen up to date bleibe. Das sinnfreie Grundrauschen nehme ich als Entspannungsberieselung in Kauf. Die Microblogging-Plattform ist der schnellste Marktplatz der Charaktere und Meinungen im Social Web, während Social Networks in der Regel mehr oder minder geschlossene Clubs sind, in denen sich entweder wenig oder wenig Relevantes tut – außer “mein Auto, mein Haus, mein Schiff, meine Interessen”.

Bei Twitter werden weder offiziell “Kontakte bestätigt” wie bei Xing noch bedeutungsschwer “Freundschaften geschlossen” und hippe Fotoalben gepflegt wie bei Facebook. Twitter ist trotz seiner Schnellebigkeit auch kein oberflächliches Adressbuch wie Plaxo. Bei Twitter ist jede Aktion eine konkrete Ansage, jeder Tweet, wie die 140-Zeichen-Botschaften heißen, eine konkrete Aussage. Tiefschürfend oder doof, strategisch motiviert oder spontan verfasst. Bei Twitter “folgt” man anderen Twitter-Nutzern, das heißt, man verfolgt, was diese Nutzer schreiben, und bei Interesse und/oder Sympathie wird man feststellen, dass die so mit Aufmerksamkeit Beschenkten dieses Interesse mehr oder weniger häufig erwidern. Das ist zum einen unverbindlicher als die Kontaktaufnahme in einem Social Network und vor allem ohne Gesichtsverlust für beide Seiten rückgängig zu machen, dies schafft zum anderen aber viel authentischere Verbindungen, die sich an konkretem Interesse orientieren – sei es an der anderen Person oder an gemeinsamen Themen. Während Social Networks wie Xing stark formalisiert und die Grenzen akzeptierter Verhaltensweisen dort eng gefasst sind, positioniert man sich via Twitter aufgrund der Kontinuität des Austausches jeden Tag neu. Nachdem man zugehört hat. Das ist anstrengender als ein wenig zu xingen. Vielleicht haben deshalb so viele Menschen Vorbehalte gegen das Twittern.

www.twitter.com/jodeleit

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Kommentare zu diesem Post

@jodeleit

@rednix @kosmar als Fallbeispiele in meinem kleinen Plädoyer für Twitter. http://is.gd/8aLX

kosmar

#pfff ;)

Martin Kurth

Die Frage ist weniger, wer hat Zeit zu zwitschern, sondern wer hat Zeit, Spielereien wie http://tweetvalue.com/ zu programmieren. ;-) Hier kann man sich ausrechnen lassen, wieviel (in US-Dollar umgerechnet) der eigene Twitter-Account wert ist.

Serie: Social Networks & Tools » Bernhard Jodeleit Blog

[...] KollegInnen und Kunden über Social Networks und Social Media verstärkt in Gang. Zu meinem Beitrag über Twitter im Sympra-Blog habe ich heute persönlich nochmals Feedback erhalten, das mich gefreut hat. In [...]

@haslo

@stijlroyal http://tinyurl.com/6amtqe http://tinyurl.com/62mdko http://tinyurl.com/6h95yr http://tinyurl.com/64nwq6 - weiss nicht obs hilft