Saudações do Brasil

Seit gut zwei Wochen bin ich nun schon im Rahmen der Auslandsstudie meines dualen Masterstudiums, das ich bei Sympra absolviere, in Brasilien. Ziel des Aufenthalts ist es, Land und Leute, vor allem aber den Markt kennen zu lernen. Außerdem verteidige ich im Rahmen der Auslandsstudie meine MBA-Thesis, welche an der brasilianischen Partneruniversität in Brasilia eingereicht wurde.
Dementsprechend ist das Programm in drei Blöcke untergliedert. Die erste Woche beinhaltete Seminare an der Universidade Católica in Brasilia zu unterschiedlichen Themen der brasilianischen Wirtschaft und Gesellschaft. Dies ermöglichte einen ersten Eindruck in die aktuellen Entwicklungen des Landes. In der zweiten Woche besuchten wir Unternehmen in Brasilia und in der Region Fortaleza im Nordosten des Landes. Die laufende dritte Woche ist den Präsentationen der MBA-Thesen gewidmet und wird mit einem Gruppenplanungsprojekt abgeschlossen. So viel zum offiziellen Programm.

Neben den fachlichen Inhalten wimmelt es hier geradezu von Alltagserlebnissen , die diese Reise zu einer echten interkulturellen Erfahrung machen und mich mangels Portugiesisch-Kenntnissen vor immer neue Herausforderungen stellen. Hier ein paar Erkenntnisse der letzten beiden Wochen.

Brasilien als Entwicklungsland

Brasilien ist nicht in allen Bereichen ein Entwicklungsland, aber die Diskrepanz zwischen den verschiedenen Bevölkerungsschichten ist sehr groß und verursacht zahlreiche Probleme. So ist zum Beispiel das Bildungssystem noch recht schwach ausgebildet und die Unternehmen haben große Probleme, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Andererseits ist Brasilien bzw. ganz Lateinamerika in Bezug auf die Nutzung von sozialen Netzwerken eine der aktivsten Regionen der Welt. Allerdings bedeutet das nicht, dass die Internetabdeckung und Geschwindigkeit ebenso gut ist. So ließen sich hier noch weitere Beispiele aufzählen.

Brasilia ist nicht Brasilien

Die Hauptstadt ist eine faszinierende Stadt, fühlt sich aber nicht wie eine Großstadt an, denn die in den 60ern geplante und gebaute Stadt in Form eines Flugzeugs umfasst zahlreiche Grünflächen (beziehungsweise Braunflächen, denn die Regenzeit hat noch nicht begonnen). Auch unterscheidet sie sich durch Baustil und Mentalität deutlich vom restlichen Brasilien, wie ich bei unserem fünftägigen Aufenthalt in Fortaleza herausgefunden habe. Die Gebäude sind sehr modern und man sieht kaum Menschen auf den Straßen, denn Brasilia ist eine Autostadt. Wenn man versucht, zu Fuß irgendwo hinzukommen, wird das schnell klar: Fußwege und Fußgängerampeln waren in der Planungsphase offensichtlich eher eine Randnotiz. Und auch in Bezug auf die Kriminalitätsrate ist Brasilia eine Ausnahme, denn hier kann man sich – zumindest in Kleingruppen – auch zu Fuß frei bewegen und muss nicht für 500 m ein Taxi nehmen. Letzteres ist in Fortaleza zumindest nachts durchaus empfehlenswert!

Sicherheit und Freiheit sind nicht immer miteinander vereinbar

Gerade in Fortaleza, das in einer der Regionen mit recht hoher Kriminalitätsrate liegt, täuscht der Frieden zuweilen. Die Fenster der meisten Häuser sind mindestens bis zum ersten Stock vergittert. Die Häuser sind mit Mauern umgeben, die oben mit Glasscherben, Bewegungsmeldern und Elektrozäunen versehen sind. Wachtürme an den Eingangstoren vieler Häuser zeigen einem zusätzlich, wie es um die Sicherheit in dieser Region bestellt ist. Selbstredend, dass einem davon abgeraten wird, nach Einbruch der Dämmerung die beleuchtete und belebte Strandpromenade zu verlassen und ans Meer zu laufen. Am deutlichsten wurde dies an unserem ersten Abend in Fortaleza, den wir in einem Strandclub verbrachten. Zwar konnten wir uns innerhalb des Geländes frei bewegen, doch waren wir umgeben von bewaffneten Wachleuten (und damit meine ich nicht nur eine „kleine“ Pistole, sondern eher größere Kaliber). Diese patrouillierten mit Taschenlampen den Strand und eskortierten uns zum Bus, da die Gegend drum herum wohl nicht so sicher ist. Dieser Eindruck wurde nochmals verstärkt, als sich ein anderer Busfahrer am nächsten Wochenende weigerte, zu diesem Strand zu fahren.

Effizienz kann auch anders definiert werden

Egal ob in einem Restaurant oder bei Bauarbeiten, es mangelt nie an Arbeitskräften. Doch das Ergebnis wäre nach unserer Einschätzung wohl auch mit der Hälfte des Personals erreichbar gewesen. Dieser Eindruck deckt sich mit den Erkenntnissen aus den Seminaren der ersten Woche: Es gibt hier wirklich sehr viele gute und ambitionierte Ideen, aber an der Umsetzung scheitert es leider noch zu oft. Bei den Unternehmensbesuchen hat sich ein differenziertes Bild ergeben. Manche Unternehmen hinken in Bezug auf Automatisierungsgrad und Strukturierung noch etwas hinterher, was sich in stark manuell geprägten Produktionsabläufen und fehlenden Zertifizierungen und Standards zeigt, die zum Beispiel den Export der Produkte nach Europa oder in die USA unmöglich machen.

Es gibt aber auch Unternehmen, die diesbezüglich deutlich weiter sind und in alle Welt exportieren. Allerdings ist diese Entwicklung auch forciert durch die Anforderungen ihrer Kunden. So legen die Autohersteller großen Wert auf Arbeitssicherheit etc.

Generell bemühen sich alle hier, uns einen guten Eindruck des Landes zu vermitteln. Dies ist auch richtig, denn Brasilien hat schon viele Schritte in Richtung „entwickeltes Land“ unternommen. Allerdings sind gerade das Bildungssystem und die Infrastruktur noch weit davon entfernt. Ich bin gespannt, wie das Land die WM 2014 und die Olympischen Spiele stemmen möchte, denn selbst am Flughafen ist englischsprachiges Personal teilweise schwer zu finden. Dafür sind die Menschen offen und herzlich und machen die Reise zu einem echten Erlebnis!

Eines noch zum Abschluss: Das Fleisch ist hier tatsächlich so gut, wie alle behaupten!

 

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