PR in Deutschland: Er Häuptling, sie Indianer?

Auch wenn die Latzhosen längst abgestreift und die Diskussionen um die Salzstreuerin verstummt sind, war das Thema Geschlechtergerechtigkeit im Jahr 2012 hochaktuell – auch und gerade im Bezug auf den Arbeitsmarkt.

Mit zunehmender Professionalisierung als Wissenschaft hielt die Gender-Thematik auch Einzug in die PR-Berufsfeldforschung. Doch wie steht es eigentlich um die Geschlechtergerechtigkeit im deutschen Berufsfeld PR? Diese Frage untersuchten Patricia Schiel und ich im Auftrag von GPRA, PR Journal und PR Career Center.

Im Rahmen unserer Bachelor-Thesis „Er Häuptling, sie Indianer?“ führten wir eine Onlinebefragung mit 654 PR-Praktikern sowie Experteninterviews mit männlichen und weiblichen Führungskräften (u. a. mit Vineeta Manglani, Unitdirector bei Sympra) durch.

Das Ergebnis: In der deutschen PR-Landschaft führen die Frauen – allerdings nur zahlenmäßig. Denn obwohl sie in Deutschland – genau wie in allen anderen westlichen Industrienationen – den größten Anteil der PR-Beschäftigten stellen, ist eine weibliche Besetzung in Topmanagement-Positionen noch immer die Ausnahme. Die quantitative Feminisierung der Public Relations führte also in der Praxis offensichtlich bis heute nicht zur erhofften Überwindung geschlechtsspezifischer Segmentierung.

Die wichtigsten Ergebnisse der Onlinebefragung im Überblick:

  • auch im deutschen Berufsfeld PR hat sich der Gender Switch deutlich vollzogen
  • Frauen hingen in Bezug auf die formale Ausbildung in der Vergangenheit hinter den Männern zurück, haben aber aufgeholt und sind mittlerweile sogar besser qualifiziert
  • trotzdem werden Frauen noch immer in Gehalt und Position benachteiligt
  • Einstellungsänderung: geschlechtsspezifische Unterschiede im Führungsstil werden bei Männern und Frauen mit abnehmendem Alter immer weniger bestätigt
  • Nachwuchs ist in der PR eine Karrierebremse – dies gilt allerdings nur für die Frauen: je höher die Position von PR-Praktikerinnen, desto geringer die Wahrscheinlichkeit für Kinder
  • statistisch bekommen männliche und weibliche PR-Praktiker Kinder erst ab 36 Jahren
  • nur ein Fünftel der PR-Frauen aber rund die Hälfte der PR-Männer hat Kinder
  • bei Männern steigt mit zunehmender Position hingegen die Wahrscheinlichkeit für Nachwuchs
  • nach Meinung beider Geschlechter sind die Gründe der Geschlechterungerechtigkeit vor allem darin begründet, dass Familie (insbesondere Kinder) und Karriere nur schwer vereinbar sind
  • Frauen bemängeln darüber hinaus die Existenz exklusiv-männlicher Netzwerke, aus denen der Führungsnachwuchs rekrutiert werde


Die wichtigsten Erkenntnisse der Experteninterviews im Überblick:

  • die Dominanz von Männern in PR-Führungspositionen sehen die Expertinnen ebenfalls durch die Existenz exklusiv-männlicher Netzwerke begründet
  • ein weitere wesentlicher Grund: die Lebensprioritäten richten sich bei Frauen nach der Geburt des ersten Kindes in vielen Fällen eher auf das Familiäre, denn das Berufliche aus
  • die Annahme, Frauen haben in gleichem Maße wie Männer das Bedürfnis, Karriere in der PR zu machen, ist zwar „political correct“ entspricht aber nicht der Realität
  • nicht alle Frauen, so die Expertinnen, definierten persönlichen Erfolg in erster Linie über eine steile Karriere, Status und Geld
  • eine bessere Vereinbarkeit von Kindern und Beruf ist die Grundvoraussetzung für mehr Frauen in Führungspositionen
  • zwei von sieben Expertinnen vereinbaren Führungsposition und Kindererziehung und sehen dies vor allem durch die Flexibilität ihres Arbeitsgebers ermöglicht

Eine ausführliche Zusammenfassung der Studie steht zum Download bereit.

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Kommentare zu diesem Post

Susanne Westphal

Leider alles wahr - die Beschreibung entspricht exakt meinen Erfahrungen. In meinen PR-Seminaren sind von 10 Teilnehmern höchstens 2 männlich. Die meisten arbeiten jedoch männlichen Chefs zu. In Gesprächen habe ich manchmal den Eindruck, Familienplanung wäre für manche Frauen eine Karriere-Alternative. Nach dem Motto: "im Moment geht´s hier nicht so voran. Dann krieg ich mal erst ein Kind und dann sehen wir in ein paar Jahren weiter." Wer sich allerdings ohne berufliche Ambitionen und Ziele in die Babypause verabschiedet, kommt selten zurück. Und wenn, dann nicht um "Karriere zu machen", sondern um sich "für einige Stunden pro Woche zu beschäftigen". Ein Kernproblem sehe ich darin, dass immer mehr Unternehmen und damit auch Agenturen immer kurzfristiger denken und planen. So kann Mitarbeitern keine realistische Perspektive für Jahre versprochen werden. Eine solche bräuchte man aber, wenn man Kinder und berufliches Weiterkommen sinnvoll miteinander verknüpfen möchte.