Ohren auf

Storytelling wirkt – kein Zweifel. Bei all den Geschichtenerzähler*innen fragt man sich unweigerlich: Hört eigentlich auch jemand zu? Denn Storylistening ist überhaupt erst die Voraussetzung dafür, dass Storytelling im besten Sinne gelingen kann: Geschichten weiterzugeben, die bei der Zielgruppe ankommen, an deren Lebenswelt anknüpfen und sie emotional bewegen. Von der Markenprofilierung bis zur Erläuterung komplexer Themen – aus meiner Sicht gehört Storylistening unbedingt in den Werkzeugkasten für Kommunikationsprofis.

Machen wir die Methode Storylistening mal konkret an einer Aufgabe: Für eine Organisation, die seit beinahe zwei Jahrzehnten besteht, sollte ich ein neues Leitbild erstellen. Wie erhalte ich möglichst detailreiche Eindrücke? Ich entschied mich, einen kleinen aber diversen Teil des Teams seine Geschichte(n) von und in der Institution erzählen zu lassen. Also richtete ich meine Interviews auf das Storylistening und damit die Kernfragen aus: Was hast Du erlebt, seitdem Du hier bist? Welche Erfahrungen hast Du gemacht? Und dann: Habe ich zugehört.

Dass die narrative Methode ein brauchbarer Ansatz ist, möglichst schnell viel zu erfahren, war mir bewusst. Dass ich derart tiefe Erkenntnisse erhalten würde, die sich in der Anlayse des Erzählten trotz unterschiedlichster Perspektiven zu einem stimmigen Bild fügten, hätte ich so nicht erwartet. Ja, und auch, dass dazusitzen und zuzuhören einfacher klingt, als es ist. Denn es ist schon arg verlockend, auf die Erzählungen des anderen mit eigenen Geschichten zu antworten.

Sich diese Reaktion zu verkneifen, ist nicht ganz leicht, aber wirkungsvoll. Das Erzählenlassen hat nämlich den großen Vorteil, dass sich Menschen weniger befragt fühlen, was ihnen eine ungezwungenere Kommunikation ermöglicht. Erzählte Erlebnisse sind darüber hinaus weniger anfällig für unbewusste Fehleinschätzungen oder gar bewusste Lügen. Eine Zahl ist schnell etwas nach oben oder unten verschönert, eine ganze Erzählung über einen Projektverlauf spontan zu erfinden, eher schwierig.

Storylistening: Held in der zweiten Reihe

Die Vorteile und Wirkungen, die dem Storytelling zugeschrieben werden, können wir auch beim Zuhören nutzen. Geschichten sind seit Jahrhunderten eine probate Form der Wissensweitergabe. Sie transportieren Emotionen und schaffen Identifikation. Der unmittelbar mitgelieferte Interpretationsrahmen setzt die weitergegebenen Fakten in einen verständlichen Kontext, hilft, sie einzuordnen und zu deuten. Storylistening ist also wichtig für die Vermittlung und das Verstehen von komplexen Inhalten. Und auch, wenn es nicht für jedes Briefing zu kniffliger Technik oder diffizilen Dienstleistungen passt: Allen, die wie wir erklärungsintensive Themen für eine große Öffentlichkeit verständlich machen, sei das Storylistening wärmstens ans Herz gelegt.

Das Leitbild übrigens ist – so jedenfalls sieht es die betroffene Organisation – durch den Einsatz narrativer Methoden und trotz einer geringen Zahl intern Beteiligter zu einer stimmigen und wahrheitsgetreuen Beschreibung geworden, mit der sich alle identifizieren können. Eine Mitarbeiterin bekräftigt: „Jetzt ist unser Leitbild nicht mehr nur ein ‚Feigenblatt‘, sondern ein echtes Abbild der Organisation.“ Ohne Storytelling wäre das Leitbild nicht so bildhaft, emotional und eingänglich. Ohne Storylistening nicht so authentisch und an die Lebenswelt der Mitarbeitenden angebunden.

Über die Verfasserin

Annalena Breuning ist Junior Consultant bei Sympra. Bevor sie zu uns kam, hat sie Unternehmenskommunikation an der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart und Kommunikationswissenschaften an der Universität Hohenheim studiert und in einer Kultureinrichtung die Öffentlichkeitsarbeit verantwortet.

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Kommentare zu diesem Post

HSt

Sehr guter Artikel. Ich habe gelesen (=zugehört) und dabei im zweiten Absatz im Wort Anatz ein fehlendes „s“ entdeckt. Und… schade, dass der Link „Über den Verfasser“ nicht funzt. Vermutlich weil er nicht gegendert ist… ;-)