Noch so’n Siegel …

Ziemlich nebulös: die Qualitätssiegel-Szene in Deutschland

 

„Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass Ihr Unternehmen auf Basis einer aktuellen Bevölkerungsumfrage zu Deutschlands Besten Ausbildungsbetrieben gehört und gratuliere zur Auszeichnung einer hohen Attraktivität als Ausbildungsbetrieb!“ Diese Mail hat vor ein paar Tagen ein Kunde von uns erhalten. 3.998 Ausbildungsbetriebe aus den Wirtschaftszweigen Dienstleistung, Handel und Industrie seien bewertet worden, unser Kunde habe mit 2,929 Punkten sogar die Spitzenbewertung „hohe Attraktivität“ erreicht. Schön – nur: Unser Kunde hat genau einen Auszubildenden.

Ganz sicher wird er daher auch nicht die 7.500 Euro aufbringen, damit er das Qualitätssiegel ein Jahr lang als E-Mail-Abbinder oder auf der Website nutzen darf. (Die Rezertifizierung würde übrigens 10.500 Euro kosten.)

Die Liste von Deutschlands Besten Ausbildungsbetrieben wurde vom Medienpartner DIE WELT veröffentlicht. Schaut man sich dort die Liste mal an, entdeckt man u. a. auch eine insolvente Textilhandelskette, ein Autohaus, einen Getränkemarkt, einen Bäcker. Allein in der Kategorie Handel sind rund 250 ausgezeichnete Unternehmen aufgeführt.

Wie das Marktforschungsinstitut ServiceValue zu seiner Bewertung gekommen ist, ist natürlich nicht zu erfahren. Außer Ausbildungsbetrieben nehmen die Marktforscher regelmäßig alles Mögliche unter die Lupe: die besten E-Bike-Fachhändler 2021, die Fairness von Stromversorgern oder die Kundenorientierung für 18 Reifen- und Kfz-Service-Anbieter. Bei jedem Ranking wird es vermutlich zahlreiche ausgezeichnete Unternehmen geben, denen ein Qualitätssiegel angeboten wird.

Das Geschäftsmodell – das muss man neidlos zugeben – ist beeindruckend. Dass es funktioniert, wird deutlich, wenn man die Menge an Siegeln von WELT, Focus Money, BILD etc. in E-Mail-Abbindern, in Stellenanzeigen und auf Websites sieht.

  • Ich habe gar nichts gegen Qualitätssiegel – ganz im Gegenteil: Sie sind Ausweis dafür, dass ein Unternehmen besonders gute Leistung bringt oder sich anderweitig auszeichnet. Wir bei Sympra sind ja auch stolz auf unser CMS-III-Siegel, das wir gerne zeigen. Es sollte aber auch immer nachvollziehbar sein, welche Kriterien erfüllt wurden, um das Siegel zu bekommen.
  • Ich nehme an, dass kleinere Unternehmen, die den Stellenwert der Siegel nicht so richtig einschätzen können, genauso versucht sind, Geld für ein Siegel aufzubringen, wie große, bei denen es auf die paar Tausend Euro nicht so ankommt.
  • Die Siegel verfehlen bei vielen unbedarften Konsumenten bestimmt nicht ihre Wirkung. Die Strahlkraft renommierter Tageszeitungen oder Fachmagazine trägt mit dazu bei, dass sie vorgeben, eine Orientierung auf dem Markt zu vermitteln. Wenn meine Hausbank früher rund ein Dutzend dieser Vignetten auf ihrer Website veröffentlicht hatte, musste sie ja wohl kunden-, sparer- und mittelstandorientiert super sein.

Der Vollständigkeit sei erwähnt, dass wir laut dem Magazin „Business Punk“ eine der „Top-200-PR-Agenturen in Deutschland“ sind. Der Einsatz des entsprechenden Siegels hätte zwischen 5.000 und 10.000 Euro gekostet. Wir haben davon Abstand genommen, es zu erwerben.

Über den Verfasser

Veit Mathauer ist einer der beiden Geschäftsführer von Sympra. Wirtschaftswissenschaftler, Journalist, PR-Mensch, Boardmitglied im internationalen Public Relations Network (PRN) und Blogger. Ansonsten auch in den einschlägigen sozialen Netzwerken zu finden.

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Kommentare zu diesem Post

Veit Mathauer

Nachtrag: Die Website www.testwatch.de beschäftigt sich intensiv mit der Vergabe und Verkauf von Test- und Qualitätssiegeln. Hier gibt's eine Menge interessanter und atemberaubender Beiträge, z. B. https://www.testwatch.de/ratgeber/123-serioese-und-unserioese-tests#d-e Verantwortlich dafür ist der Verein Testwatch - Die VerbraucherNützer e. V. #Leseempfehlung