Im Fluss der Formen – ein Künstlerinnen-Trio bei Sympra

Bis Februar 2027 werden die Arbeiten von Klaudia Dietewich, Cinyi Joh und Claudia Thorban bei Sympra zu sehen sein: drei Positionen in einer harmonische Ambivalenz zwischen Figuration und Ungegenständlichkeit. Sie treten in einen spannenden Dialog miteinander als auch mit der Architektur der Villa und unserem Arbeitsplatz.

In den Fotografien von Klaudia Dietewich wird Entfernung zu einem Konstrukt der Wahrnehmung. Die Diplom-Sozialpädagogin und Absolventin der Europäischen Kunstakademie Trier spielt in ihren Werken mit dem Auge des Betrachters: Landschaftsaufnahmen, die vermeintlich aus großer Höhe aufgenommen wurden, entpuppen sich als kleinste Alltagsdetails. Es mag überraschen, dass es sich bei den fokussierten Formen nicht etwa um Inseln und Felder, sondern vielmehr um Markierungen auf dem Asphalt, Farbtropfen und Reifenabriebe handelt.

Cinyi Johs Arbeiten bewegen sich zwischen Malerei und Rauminstallation: Pinselspuren, Farbschlieren und schablonenhafte Formen treffen auf dreidimensionale Körper und entfalten eine dynamische, beinahe tänzerische Bildsprache. Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Praxis ist die figurative Malerei, von der aus sie sich zunehmend hin zu einer abstrakten, raumorientierten Formensprache entwickelt hat, in der der Körper selbst als Raum betrachtet wird. Cinyi Joh studierte Grafikdesign und Architektur in Taiwan und Stuttgart, ergänzt durch ein Studium der Malerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, das sie als Diplom-Künstlerin abschloss.

Die Künstlerin Claudia Thorban vervollständigt das Trio. Ihre Arbeiten entfalten sich aus der Natur heraus und übersetzen organische Formen in einen experimentellen, medienübergreifenden Prozess. Fotografien von Farnen oder Seerosen werden vergrößert, verfremdet und fragmentiert, analog wie digital bearbeitet und schließlich als großformatige Drucke auf Acrylglas übertragen. In ihren installativen Anordnungen entstehen scheinbar flüchtige Bildgefüge, die die Betrachtenden durch Spiegelungen unmittelbar in die Arbeiten einbeziehen. Claudia Thorban studierte Malerei, Kunsterziehung, Kunstgeschichte und einige Semester Mathematik in Stuttgart. Seit 1975 ist sie in Einzel- und Gruppenausstellungen vertreten, ihre Werke befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen.

Kuratiert wird die Ausstellung von dem Stuttgarter Galeristen Marko Schacher, der maßgeblich das Zusammenspiel der unterschiedlichen Ansätze der Künstlerinnen gestaltet und ihre Arbeiten in einen spannungsreichen, zugleich fein austarierten Dialog überführt – sodass ein Fluss entsteht, der immer neue Perspektiven hervorbringt.

Die Schau bei Sympra in der Stafflenbergstraße 32 in Stuttgart ist dienstags bis freitags von 14 bis 18 Uhr und gerne nach Vereinbarung zu besichtigen.

Weitere Termine im Rahmen der Ausstellung:

  • Sonderöffnung zu Art Alarm: 18. April (11–20 Uhr) und 19. April (11–18 Uhr), inklusive Performance von Cinyi Joh am Sonntag um 15 Uhr
  • Kuratorenführungen am 18. Mai und 25. September 2026, jeweils um 17 Uhr

Claudia Thorban, Farn, 2020

Cinyi Joh, Rahmen, 2023

Klaudia Dietewich, Kairo Gizeh, 2011

Und hier die Rede von Galerist Marko Schacher anlässlich der Ausstellungseröffnung:

Je ungenauer wir uns mitteilen, desto mehr Worte brauchen wir.“ Dieses Zitat von Kurt Weidemann prangt hier seit vielen Jahren an einer der beiden Längswände im großen Besprechungsraum. Für die gesprochene und geschriebene Sprache mag das gelten (manchmal, oft, meistens), nicht aber für die Bildende Kunst. Cinyi Joh, Klaudia Dietewich und Claudia Thorban brauchen gar keine Worte und teilen sich ganz absichtlich sehr ungenau mit. Ihre Exponate der Ausstellung „Im Fluss der Formen“ sind durch eine harmonische Ambivalenz zwischen Figuration und Ungegenständlichkeit geprägt.

Ob es sich bei den Formen, die in unserem Assoziations-Fluss auftauchen, um Architektur- oder Natur-Bestandteile handelt, oder um Körperfragmente, wird von den Künstlerinnen bewusst in der Schwebe gehalten. Die Übergänge sind fließend: Nichts muss, alles kann. Im titelgebenden „Fluss der Formen“ tauchen geometrische Flächen, menschliche Torsi, Ausschnitte aus der Natur und architektonische Elemente auf, schnappen kurz nach Luft und tauchen wieder unter, verwandeln sich zu gebogenen Blechen, geschwungenen Tüchern, Farn-Blättern und Abnutzungs-Spuren. „Kairo“, „Farn“, „Rahmen“: Diese Titel stehen ganz klein als Werkangaben bei den Abbildungen auf der Einladungskarte. Und in der Tat könnte man Klaudia Dietewich in die Schublade „Architektur“ einordnen, Claudia Thorban in die Rubrik „Natur“ und die Werke von Cinyi Joh mit „Gegenständliches“ überschreiben. Gleichzeitig wildern aber alle drei in den Grenzgebieten von Abstraktion und Ungegenständlichkeit. Alle drei experimentieren mit Makro- und Mikro-Strukturen – und mit Perspektiven.

Sehen wir auf den Fotografien von Klaudia Dietewich eine per Hubschrauber oder Drohne aufgenommene Wüste oder Bakterien-Banden, die sich beim Blick durch ein Mikroskop zeigen? Die Auflösung mag zunächst desillusionierend wirken, zerstört den Zauber der Pigmentdrucke auf gebürstetem Aludibond oder der Fine Art Prints auf Baryt-Papier aber keineswegs, sondern sie addiert sich zur Aura. Denn die vermeintlichen Inseln, Felder, Eisschollen und Berge sind in Wirklichkeit fokussierte Markierungen auf dem Asphalt, Farbtropfen, Verschmutzungen, Reifenabriebe, zerschlissene Zebrastreifen und Klebebandreste. Auf ihren ausgiebigen Radtouren über den gesamten Globus fotografiert Klaudia Dietewich mit ihrer Digitalkamera aus etwa 60 bis 80 Zentimeter Abstand ihre meist auf der Straße, zu ihren Füßen liegenden Motive – ohne eigene Rücksicht auf den Straßenverkehr, aber beschützt von ihrem Begleiter und Ehemann Raimund Menges. Wohl selten wurde uns die Perfektion des Zufalls so eindrücklich präsentiert, wie auf den Fotos von Klaudia Dietewich. Vielleicht sind sie an dem einen oder anderen Motiv ja selbst schon vorbei gekommen? Die Werkangaben verraten den Ort und das Jahr der Aufnahmen. Die perfekte Präsentation in sichtbaren und unsichtbaren Metall-Rahmen steht in einem reizvollen Widerspruch zur abgebildeten Szenerie.

Am meisten Zeit in die Ausstellungs-Teilnahme hat fraglos Cinyi Joh gesteckt. Sie hat drei halbe Tage in das poetische, auf die Lichtkugeln im Foyer abgestimmte „Fließen“ ihrer aus bemalten Filz-Vließen bestehenden „Lichtung“ investiert, hier was austariert, dort was höher gehängt, dann wieder rückgängig gemacht und neu angefangen. Und sie hat sich mit der Geschichte dieser Villa auseinandergesetzt und in Online-Archiven gegraben. Ein Ergebnis ist das Gemälde „Marmorbad“, das die Architektur im Erdgeschoss-Eckzimmer aufgreift, diese und uns aber über 100 Jahre in der Zeit zurück nimmt. Auch das Gemälde „Ruheplatz“ ist von seinem Ort der Hängung inspiriert, das neue Gemälde „Bäume“ im 1.OG auch.

Oft macht auch sie es uns es nicht einfach: Ist die dominante Form im Gemälde „Großes Dach“ eine Säule oder ein Männer-Torso? Sind das tatsächlich „Zwei Figuren“, wie sie in ihrem Titel behauptet oder sehen wir einen nackten Oberkörper von hinten? Cinyi Joh, ausgebildete Architektin und ausgebildete Künstlerin, lässt lasierend aufgetragene, teils durchsichtige Formen in- und übereinander fließen. Flache, schablonenartige Flächen und dreidimensionale Körper und angedeutete Umrisslinien gehen faszinierende Verbindungen ein. Dass die Künstlerin zugestimmt hat, ihr Gemälde „Zimmer mit Oberlicht“ diesmal auf den Kopf zu stellen und umgekehrt aufzuhängen, weil es so besser zur Umgebung passt, beweist ihre Offenheit und ihren Humor.

Wahrscheinlich werden einige Dialoge mit der Umgebung unbemerkt bleiben. Im Fall des Gemäldes „Lichtblick (Rücken)“, das oben im letzten Raum hängt und einen poetischen Durchblick auf einen blauen Himmel gewährt, war es der ebenso blaue Pulli des hier tätigen Sympra-Mitarbeiters, der mich zur Auswahl motivierte. Und als ich einen geeigneten Ort für das unbetitelte, zwischen weiblichem Geschlechtsmerkmal und modernem Vogelhaus changierende „Objekt“ im Besprechungsraum suchte, war ich selbst erstaunt, als ich vor dem Fenster ein dazu wunderbar passendes ionisches Säulen-Kapitell in Schneckenform sah. 

Und nun zu Claudia Thorban: Auch wenn man es ihnen nicht immer ansieht: Fast alle von Thorban festgehaltenen Formen basieren auf der Natur. Fotografierte Farn- oder Seerosenblätter werden mit dem guten alten Kopierer oder am Computer vergrößert und verpixelt, bearbeitet und mittels digitalem Fotodruck direkt auf meist großformatige Acrylglasplatten transferiert. Diese wiederum arrangiert sie zu scheinbar temporären Zusammenstellungen, die nichts mehr mit dem klassischen Tafelbild gemein haben.  Auch hier wird dem Zufall eine große Rolle zugestanden: Als der Drucker der Künstlerin die auf Fotos festgehaltenen Farne ausdrucken sollte, war er mit den eingelegten Farbpatronen nicht zufrieden und hat geschmiert, die Ausdrucke verschmiert. Die gelb-grünen Farbschlieren fand Claudia Thorban dann noch interessanter als die ursprünglichen Motive und hat diese dann weiterverarbeitet – hier zu bestaunen in der Serie „Farn“ im großen Besprechungsraum. Nicht nur dort holen die Spiegelungen in den durchsichtigen Acrylglasplatten die Betrachtenden und die Umgebung mit ins „Bild“ und stellen reizvolle Bezüge her. Wer überhaupt keinen grünen Daumen hat, kann den aus drei kleinformatigen Acrylglas-Drucken und zwei Kopien auf Papier bestehenden „Garten to Go“ erstehen. Dieser braucht außer ein paar spartanischen Zuwendungen mit dem Wischlappen keinerlei Pflege und kann immer wieder neu arrangiert werden. Nachschub gibt es jederzeit in meiner Galerie. Wie alle Fotodirektdrucke auf Acrylglas oder Acrylfolie sind es absolute Unikate, also Einzelstücke.

Draußen im Garten hat sich Claudia Thorbans „In’s Offene“ betitelte Skulptur zu den metallenen „SYMPRA“-Buchstaben gesellt. Der fast geschlossene Kreis auf der Glasplatte hat mit den ebenfalls kreisförmigen Blumenbetten Kontakt aufgenommen. Vielleicht nimmt er die Anregung auf – und wird sich schließen. Auf jeden Fall wird sich das Motiv in der freien Natur verändern. Genauso wie sich das Moos auf den stützenden Steinen, ebenfalls Fundstücke der Künstlerin, verändern und ausbreiten wird. Auf der Art Karlsruhe 2026, wo wir verschiedene dieser Arbeiten auf einem 100 Quadratmeter großen „Skulpturenplatz“ gezeigt haben, wurden die Künstlerin, ihre Helferinnen und ich immer wieder gefragt, ob die Skulpturen wettertauglich sich. Das hier ist die Reaktion darauf. Wir wissen es nicht, sind aber gespannt, wie sich das Arrangement im Fluss der Jahreszeiten verändern wird.  

Mein abschließender Dank geht an Veit Mathauer und Veronika Höber und an das gesamte Sympra-Team. Ihr habt die Hängung gespannt verfolgt und die Künstlerinnen mit neugierigen Fragen begleitet. Ihr habt mit großen Augen beobachtet, was wir da in „euer“ Zimmer tragen. Eine Gegenwehr gab es keine. Im Gegenteil: Die Kunstwerke wurden willkommen geheißen, wie FreundInnen – oder zumindest wie jemand, der zu einem Freund oder einer Freundin werden kann und werden darf. 

Wer genauer hinsieht, wird die Dialoge mit der Umgebung erkennen. Da winken Blatt-Formen ihren Verwandten im Garten zu. Figuren neigen sich über die Schultern der hier Arbeitenden. Und die wie temporär platziert wirkenden Acrylglasplatten flirten mit den davor abgestellten Aktenkoffern. 

Die Hier-Arbeitenden und Sympra-Besuchenden können die neuen Kunstwerke nutzen und sich zum Beispiel in der „Fließenden Lichtung“ zu verabreden – oder unter dem „Großen Dach“…oder auf der Farn-Wiese.  Und sie können sich Autofahrten und den bald unbezahlbaren Sprit sparen: Von Duisburg nach Gelsenkirchen sind es in dieser Ausstellung nur vier Zentimeter, von Berlin nach Budapest auch.

Nothing lasts“ heißt eines der Gemälde von Cinyi Joh. Das stimmt nicht. Wenn Sie eines der Exponate, oder gern auch mehrere, käuflich erwerben, gehören und bleiben Ihnen diese für immer. 

Über die Verfasserin

Stefanie Bäuerle ist Consultant bei Sympra. Bevor sie zu uns kam, hat sie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München, der Freien Universität Berlin und der Université de Montréal studiert. Erste Erfahrungen in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sammelte sie in den Bereichen Kultur und Kreativwirtschaft.

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