Elektro-Power für Muldenkipper


In den Minen und Bergbaugebieten dieser Welt fällt er kaum auf, aber hier ist er eine Attraktion: Wenn der T274 seine Ladefläche anhebt, in die eine ganze Elefantenherde passen würde, dann geht ein Raunen durchs bauma-Publikum, das unter Regenschirmen ausharrt, um den 300 Tonnen schweren Muldenkipper in Aktion zu sehen. Der Fahrer oder die Fahrerin, im Fachjargon Operator genannt, weil die Kabine des T274 mit ihren Displays, Joysticks und Pedalen eher einem Flugzeugcockpit ähnelt, thront in sechs Metern Höhe und hat so einen guten Überblick über das Einfamilienhaus große Monstrum, dessen Ladefläche 305 Tonnen fasst, das sind etwa 60 ausgewachsene Elefantenbullen. Sollte der Operator auf seinem Hochsitz tatsächlich die Orientierung verlieren, dann hilft das Bird‘s Eye. So nennt Hersteller Liebherr ein System aus vier Kameras, die ein Gesamtbild aus der Vogelperspektive liefern, dazu mehrere Detailansichten.

Vor drei Jahren, als die bauma, die größte Messe – manche sagen die größte Show – der Welt zuletzt stattfand, stand der T274 auch schon an gleicher Stelle, damals allerdings noch ohne Trolley-Assistenzsystem. Dieses verbindet das 2700 Kilowatt starke elektrische Antriebssystem des Kipplasters mit dem Stromnetz einer Mine. Ein geschickter Schachzug, denn so steht der T274 quasi nie still, weil ihm nie der Sprit ausgeht. Der Betreiber der Mine kann auf diese Weise nicht nur seine Fahrzeugflotte reduzieren, sondern darüber hinaus auch noch Diesel und damit CO2 Emissionen einsparen.

Überhaupt bekommt der fachkundige Besucher schnell den Eindruck, dass die gesamte Baumaschinenbranche mittlerweile elektrifiziert ist, so oft begegnet einem das Wort beim Gang über das 614.000 Quadratmeter große Messegelände. Alles, was Fahren, Drehen, Heben oder Bohren kann, wird elektrisch oder zumindest hybrid angetrieben – das ist die klare Botschaft der bauma. Waren vor drei Jahren noch vorrangig Minibagger mit Batterieantrieb ausgestattet, sind es jetzt auch Großmaschinen, die Elektropower haben, Kräne und Radlader bis hin zu hunderten Tonnen schwere Bagger und Kipplaster. Hinter diesem Trend zur Elektrifizierung, der jetzt auch die Heavy-Duty-Branche erfasst hat, steht die so genannte Zero-Emission-Strategie, also der Plan, die schädlichen Abgase möglichst auf null zurückzufahren. Das kommt nicht nur der Umwelt zugute, sondern auch den Herstellern und Anwendern selbst, die nicht mehr Unmengen Diesel kaufen und um die Welt transportieren müssen, zumal der Kraftstoff wegen der geopolitischen Eruptionen immer teurer wird.

Unser Kunde Liebherr, mit 100 Produkten auf 15.000 Quadratmetern Fläche wieder der Platzhirsch auf der bauma, hat Antriebe im Programm, deren Leistung offenbar keine Grenzen kennt. Der neue Drehantrieb DAT 1000, konzipiert für Schwerlastkräne, wiegt selbst sechs Tonnen und hat ein maximales Drehmoment von 1,2 Millionen Newtonmeter. Mit dem Schub könnte man vermutlich auch Raketen in die Umlaufbahn schießen. Einen weiteren Schritt in Richtung Dekarbonisierung macht Liebherr mit dem R 9XX H2, der erste Bagger des Unternehmens, der mit einem Wasserstoff-Verbrennungsmotor ausgestattet ist und die gleiche Leistung bringen soll wie ein mit Diesel betriebener Motor.

Grüne Energie liefert, zumindest indirekt, auch der Raupenkran 1700 1.0, mit 198 Metern Höhe und 750 Tonnen Gewicht das größte und schwerste Gerät auf der bauma; er wird u. a. zum Bau von Windkraftanlagen eingesetzt.

Auch die größten Baumaschinen werden oft nur mit wenigen Fingern einer Hand gesteuert. Dazu müssen die entsprechenden Bedienelemente smart sein, was so viel heißt wie: sie müssen gut in der Hand liegen und einfach anzuwenden sein. Solche Elemente aus der Intelli-Controls-Familie präsentiert unser Kunde Marquardt, den wir bei der PR für die bauma unterstützen. Der Mechatronik-Experte zeigt am Stand in der Halle A2 außerdem sein Demo-Car 2.0, das mit seinen Riesendisplays und LED-Lichtbändern einen Blick in die Fahrerkabine der Zukunft gewährt.

Der Maschinen- und Anlagenhersteller Vollert stellt seine neueste Technologie zur Herstellung von Betonfertigteilen vor. Dabei hat er, wie die ganze energieintensive Betonbranche, ganz besonders die CO2-Emissionen im Blick. Das neue #greenfab-Siegel steht für ein Maßnahmen-Bündel, das die Produktion im Betonfertigteilwerk nachhaltiger gestalten soll. Dabei setzt Vollert im Aushärteverfahren des Betons selbst, in der Maschinentechnik sowie beim Einsatz von karbonbewehrtem Beton an.

Liebherrs Muldenkipper T274 zieht derweil weiter seine Show ab. Dabei reicht er nicht einmal an die Ausmaße seines großen Bruders T284 heran. Die Besucher staunen trotzdem. Noch bis Sonntag, 30. Oktober, auf der bauma.

 

Bilder: Messe München

Über den Verfasser

Johannes Manger ist Senior Consultant bei Sympra, betreut Kunden aus dem Technologiebereich und kümmert sich um den Ausbau des Baubereichs. Vor Sympra war Johannes Manger mehr als 20 Jahre lang bei der Messe München beschäftigt, zuletzt als Abteilungsleiter Bauwesen & Immobilien im Bereich Marcom. In dieser Funktion verantwortete er die Kommunikation für Messen wie die BAU, die bauma, die transport logistic und die EXPO REAL.

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