Augmented Reality – oder: Muh-Dose 2.0

Der Begriff der „erweiterten Realität“ (von engl. Augmented Reality) geistert immer stärker durch Foren und Blogs. Ich habe zwar eine vage Ahnung, worum es geht, wende mich jedoch für einen ersten Überblick an den Studenten-Liebling Wikipedia: „Unter Erweiterter Realität versteht man die computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung. Diese Information kann alle menschlichen Sinnesmodalitäten ansprechen, häufig wird jedoch unter erweiterter Realität nur die visuelle Darstellung von Informationen verstanden. Es ist die Ergänzung von Bildern oder Videos mit computergenerierten Zusatzinformationen oder virtuellen Objekten mittels Einblendung/Überlagerung.“ –  Aha.

Bei meiner weiteren Recherche im Web entdecke ich Zahlen von Juniper Research. So soll sich der Umsatz in der Branche bis 2014 auf 732 Millionen Dollar steigern. Wow, denke ich mir, an der Technologie muss was dran sein. 2010 beträgt der Umsatz nämlich voraussichtlich nur zwei Millionen Dollar…

Also begebe ich mich auf die Suche nach Beispielen und werde schnell fündig. YouTube hat diverse Videos parat, die zeigen, was alles möglich ist. Ob ins Handydisplay eingeblendete Zusatzinformationen zu Gebäuden, der nächsten U-Bahn Station oder welcher Satellit gerade über mir kreist: vieles ist möglich. Jüngstes Beispiel: Google Streetview, wo Informationen zu Gebäuden und Bewohnern in Fotos eingeblendet werden. Männer kommen schon länger in den Genuss von AR: Bei modernen Fußballspiel-Analysen verwenden Klopp & Co. diese Technik, um zu zeigen, wie der Laufweg besser gewesen wäre. Aber die Frauen werden nicht vergessen! metatio hat die erste virtuelle Umkleidekabine ins Leben gerufen…

Jetzt will ich aber endlich selber ausprobieren! Die MFG Baden-Württemberg betreibt ein „Augmented-Reality-Erprobungsgelände“. Hier darf man dem „Barrel in Motion“ Töne entlocken! Das Projekt basiert auf dem realen „Soundbarrel“ (Klangfass) von Axel F. Schlenker. Alles was man braucht ist eine Webcam, den Marker (löst die computergenerierte Aktion aus) vom Deckblatt des MFG Jahresberichts – und schon kann es los gehen.

Zuerst muss man dem Programm den Zugriff auf die Webcam erlauben. Automatisch erkennt das Programm im Anschluss an die Zugriffszulassung die Kamera, und man sieht sich selber auf dem Bildschirm. Das war schon mal leicht! Ich finde, dass der Jahresbericht etwas unspektakulär wirkt, und kann mir noch nicht so genau vorstellen, wie die verpixelte Neun und Zehn mit Augmented Reality zusammenhängen. Aber ich bin ja hier, um es zu lernen. Ich halte das Cover der Broschüre also erwartungsvoll vor das Webcam-Auge meines Laptops – und lasse alles erschrocken fallen: Mein Mac hat mich soeben angemuht!

Verzückt, dass ich nun AR live erleben darf, teste ich mich langsam an das „Barrel in Motion“ heran. Als erstes halte ich den Jahresbericht frontal in die Kamera. Ein 3D-Tracking Verfahren überträgt die Bewegungen des Markers auf das Klangfass. MUUUUHHHHHHH ertönt es aus den Lautsprechern. Das Geräusch versetzt mich zurück in meine Kindheit, zu meiner alten Muh-Dose. In dem Bildschirmkasten, in dem ich angezeigt werde, sehe ich auf einmal nicht mehr die verpixelten Zahlen, sondern ein Fass. Das hervorgerufene Gefühl lässt sich mit dem ersten Besuch im 3D-Kino vergleichen: Eigentlich weiß man, dass die Objekte nicht wirklich auf einen zukommen, und doch versucht man, nach ihnen zu greifen. Also nur, um ganz sicher zu gehen, streiche ich mit meiner freien Hand über den Marker, und schwupps ist das Fass verschwunden. Sobald ich den Marker wieder ohne Hindernisse in die Kamera halte, erscheint das Klangfass. Gut dann kann es ja los gehen.

Die nächsten zwei Minuten verbringe ich damit, die Rollen meines Schreibtischstuhls zum Glühen zu bringen. Vor und zurück. Denn je nach dem, wie weit man von der Kamera entfernt ist, ändert sich auch die erzeugte Lautstärke des Muhen. Mir rutscht eine Ecke aus der Hand, und sofort meckert mich mein Laptop als Ziege an. Die Bezeichnung „Barrel in Motion“ rührt nämlich daher, dass der Marker in mehrere Richtungen bewegt werden kann, um verschiedene Geräusche zu erzeugen. Also beschäftige ich mich mit dem Geräusch der Ziege, das durch eine 90-Grad-Drehung der Broschüre erzeugt wird. Durch weitere Drehungen schaffe ich es, dem Klangfass auch Pferdegewieher und Hahnenkrähen zu entlocken. Nach einigen weiteren Minuten Übung habe ich den Dreh für jedes Geräusch raus. Durch die Kombination der unterschiedlichen Geräusche lassen sich ganze Geschichten geräuschvoll untermalen. Zum Schluss habe ich eine kleine aber feine Komposition einstudiert. Die Bremer Stadtmusikanten müssen sich warm anziehen!

In Zukunft lassen sich sicher weitere Einsatzmöglichkeiten für die PR identifizieren. Es lohnt sich, diesen Trend im Auge zu behalten!

P.S.: Der Beitrag soll nicht den Eindruck erwecken, dass die „erweiterte Realität“ nur etwas für Spielkinder und Nerds ist. Auch in Medizin und Industrie wird die Technologie eingesetzt. Bei Operationen wird es in Zukunft beispielsweise möglich sein, dass mithilfe einer Spezialbrille zuvor aufgenommene CT-Bilder auf den Körper des Patienten projiziert werden und der Eingriff somit präziser durchgeführt werden kann. Der Lehrstuhl für Informatikanwendungen in der Medizin & Augmented Reality der TU München arbeitet an einer praktischen Umsetzung. In der Automobilindustrie verwendet BWM Augmented-Reality-Brillen, die den Monteuren das Arbeiten erleichtern sollen. Zum Beispiel erkennt die AR-Brille automatisch das Automodell und zeigt eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, wie der Motor gewartet werden muss inklusive Angabe des benötigten Werkzeugs. Dadurch kann ein zuverlässiges und fehlerfreies Ergebnis erreicht werden.

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Kommentare zu diesem Post

Guido Gallenkamp

"2010 beträgt der Umsatz nämlich nur zwei Millionen Dollar…"
Und so was schreibt man im August 2010... total seriöser Artikel, danke und weg damit :)

Sympra

Lieber Guido Gallenkamp! Danke für die kritische Anmerkung. Wir haben daraufhin das Posting durch ein "voraussichtlich" und den Link zur Studie von Juniper (http://bit.ly/biuU1K) ergänzt.

Sympra

Lieber Guido Gallenkamp! Danke für die kritische Anmerkung. Wir haben daraufhin das Posting durch ein "voraussichtlich" und den Link zur Studie von Juniper (http://bit.ly/biuU1K) ergänzt.

Guido Gallenkamp

Liebe(r) Sympra, die Studie von Juniper ist keine Studie. Sie ist eine Pressemitteilung (http://bit.ly/biuU1K) zu einer Studie (http://bit.ly/dA4jUi), die nicht ohne Kosten einsehbar ist und sich ausschließlich auf den Markt der Mobilen Geräte bezieht. Hat also mit der Muh-Dose auf'm MacBook nix zu tun.
Aber dennoch gebe ich Dir recht - dieser Trend ist etwas, was sich durchsetzen wird. Nicht unbedingt in der PR Branche, aber bestimmt in der Unterhaltungsbranche.

Wowaki

Kürzlich ist ein Magazin der Süddeutschen Zeitung mit "virtuellen Zusatzinhalten" erschienen. Hier ein Video dazu:

http://szmstat.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/3...