Wissen, wer der Babo ist – oder: Hackordnung

Ein grauer Morgen, ziemlich früh, so gegen halb 7. In einer anderen Agentur. In einer anderen Stadt. In einem anderen Leben. Wir sind auf dem Weg zum Kunden. Fahrtzeit: 15 Minuten. Meetingbeginn: 7 Uhr. Ja, 7 Uhr. In der Früh. Wir treffen den Europa-Chef und den Deutschland-Chef eines großen Fleisch verarbeitenden Betriebs. Unser Konzept hat die Marketing-Abteilung überzeugt. Jetzt Aufgalopp zur letzten Runde. 7 Uhr morgens, der einzig mögliche Termin für den Europa-Chef in dieser Woche. Wir fühlen uns geehrt, dass er diesen letzten freien Timeslot mit uns teilt. Die kleine Agentur am Rande der Stadt… bekommt seine letzten 60 Minuten. Wir sind geflasht.

 

2 Wochen zuvor.

Vorangegangen sind anstrengende Tage, an denen die Sonne nie unterging – jedenfalls nicht die in der Schreibtischlampe. Es gilt, nicht weniger zu entwickeln als ein Markteinführungskonzept für ein gänzlich neues, innovatives, bahnbrechendes Produkt. Ein Gamechanger: Hackfleisch, das 50 Prozent weniger Fleischanteil besitzt als herkömmliches. Viel gesünder. Viel umweltfreundlicher. Durch Zusatz von pflanzlichen Proteinen. Die Becel unter den Hackfleischen quasi. Das Hackfleisch der verantwortungsvollen Mütter, der anti-vegetarischen Hipster, der cholesterin-gebeutelten Senioren. Kurz: das Hackfleisch des 21. Jahrhunderts. Fun-Fact am Rande: Wir schreiben das Jahr des Analog-Käse-Skandals. Die Älteren unter uns werden sich erinnern.

Die Bilanz unserer Bemühungen: 2 Wochen, 112 Seiten. PR-Konzept, PoS-Konzept, Media-Konzept. Inklusive Positionierung, Botschaft, Motto, Slogan. 2 Treffen mit der Marketing-Abteilung, gefühlte 10.000 telefonische Abstimmungsschleifen. Wir sind zufrieden. Der Marketing-Chef ist zufrieden. Zeit, den Fahrplan gemeinsam der Konzernspitze zu präsentieren. Reine Formsache, so der Marketing-Chef.

So gegen 7.

Ein grauer Morgen, ziemlich früh, so gegen viertel vor 7. Wir sind da. Parken. „Besucher“. Melden uns an. Werden eingelassen. Bauen die Technik auf. Zehn vor 7. Wir sind bereit. Fünf vor 7. Der Marketing-Chef kommt, die Presse-Chefin, die Produktmanagerin. Kann losgehen. Nur der Europa-Chef und der Deutschland-Chef fehlen noch. Werden sicher gleich kommen. Jaja, kein Problem.

7. Wir sind bereit. Der Marketing-Chef ist da, die Presse-Chefin ist da, die Produktmanagerin ist da. Kann losgehen. Nur der Europa-Chef und der Deutschland-Chef fehlen noch. Werden sicher gleich kommen. Jaja, kein Problem.

Zehn nach 7. Wir sind bereit. Der Marketing-Chef ist da, die Presse-Chefin ist da, die Produktmanagerin ist da. Kann losgehen. Nur der Europa-Chef und der Deutschland-Chef fehlen noch. Werden sicher gleich kommen. Jaja, kein Problem.

Viertel nach 7. Wir sind bereit. Der Marketing-Chef ist da, die Presse-Chefin ist da, die Produktmanagerin ist da. Kann losgehen. Nur der Europa-Chef und der Deutschland-Chef fehlen noch. Werden sicher gleich kommen. Jaja, kein Problem.

Zwanzig nach 7. Wir sind bereit. Der Marketing-Chef ist da, die Presse-Chefin …Sie ahnen es.

Kurz nach halb 8.

Der große Moment. Die Tür schlägt auf, herein stürzen zwei Herren. Dunkle Anzüge, gestreifte Hemden, Krawatte, Blackberry. Sie sind da! Halleluja, uns bleiben noch 25 Minuten! „So, können wir dann endlich anfangen?!“ Der Tonfall eines geübten Befehlsgebers. Die Luft testosteron-geschwängert. (Im Nachhinein frage ich mich bis heute immer wieder, ob dies die Folge übermäßigen Fleischgenusses aus industrieller Fertigung ist.) Geht schon. Wir lächeln tapfer. Klar, wir sind die Dienstleister, er behandelt uns so. Aber eigentlich …ich meine, immerhin nimmt er sich Zeit für uns, oder?

Folie 3: Agentur-Präsentation. Inhaber-geführt, Erfahrungen im Food-Sektor, zahlreiche erfolgreiche Produkteinführungen… „JAJA“, knallt es wie ein Peitschenhieb durch den Raum, „das interessiert mich nicht. Kommen Sie zum Wesentlichen.“ Okay, kommen wir zum Wesentlichen. Analyse, Strategie, Konzept. In aller Kürze. Mit Blick auf die Uhr. Sie haben einen engen Terminkalender, Herr … . So, jetzt läuft’s. Zumindest keine Unterbrechungen mehr von Kundenseite. Was vielleicht daran liegt, dass der Europa-Chef pausenlos auf sein Blackberry einhackt. Und wenn nicht, mit dem Rücken zum Tisch stakkato-artige Bellgeräusche in sein Telefon brüllt. Aber okay, das Marketing ist überzeugt. Das Marketing verantwortet das Budget. Wird schon passen. Ist in dem Laden wahrscheinlich immer so.

Zehn vor 8.

„So, das reicht jetzt. Ich habe keine Zeit mehr. Die Markteinführung ist um vier Wochen vorgezogen. Bis dahin kriegen wir doch ihre Vorschläge niemals umgesetzt.“ Steht auf, geht. Der Deutschland-Chef folgt. Erstaunte Gesichter in der Runde. Der Marketing-Chef hebt die Hände. Nie was von einem vorgezogenen Start in den Markt gehört. Die Produktmanagerin ebenso wenig. Wir am allerwenigsten. Wie machen wir weiter? Wir klären das und melden uns. Ja, sicher. Freuen uns, arbeiten das Konzept gern um.

Ein paar Tage später.

Noch ein grauer Morgen, ein paar Tage später. Post. Mit großem Bedauern müssen wir Ihnen mitteilen …blablabla.

Heute. Für immer.

Merke: Manchmal kannste dich einfach gehackt legen.

Nachklapp: Die Kampagne zur Markteinführung hat dann übrigens eine andere Agentur übernommen. Der Inhaber war ein Freund des Europa-Chefs. Aber das ist sicher nur Zufall.

P.S.: Möglich, dass nicht alles, was hier steht, stimmt. Vielleicht hat meine Erinnerung das eine Detail hinzugefügt und das andere ausgeblendet. Was aber stimmt, ist der Kern. Der Rest ist Schweigen.

 

 

Bild: iStock/MKucova

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