Von Lagerfeuern und Lotsen

PR-REPORT-Konferenz zu neuen Kanälen, neuen Regeln, neuen Strategien am 5. Mai 2011 in Berlin

Hatten wir nicht alle gehofft, dass diese Diskussion schon seit Jahren beendet sei? Ein Relikt aus der grauen Urzeit der Public Relations? Und plötzlich begegnet sie uns auf einem Kongress mit dem zukunftsweisenden Titel „PR nach der Ära der klassischen Medien“: „PR und Journalismus haben nichts miteinander zu tun!“ postulierte Kuno Haberbusch, beim NDR zuständig für investigative politische Dokumentationen und Reportagen und 2001 Mitgründer des Vereins Netzwerk Recherche. „PR-Leute wissen zwar ganz genau, wie Journalismus funktioniert, aber sie sind deshalb noch lang keine Journalisten und sollten sich auch nicht so nennen!“

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Natürlich gaben diese Thesen ausreichend Stoff für den gewünschten Streit, denn sein Diskussionspartner war Frank Behrendt, Vorstand der PR-Agentur fischerAppelt und studierter Journalist. Und er hielt sich wacker: „Die Journalisten wären ohne uns PR-Leute ganz schön aufgeschmissen, denn wo kämen denn sonst die Informationen her? Glücklicherweise ist die PR erwachsen und professionell geworden. Und sie ist ein offensichtlich attraktives Berufsfeld, denn die Journalisten kommen ja zu uns, weil die Verlage ihre Stellen einsparen oder sie kein Geld mehr verdienen.“

Ein launiges Intermezzo bei einer auch sonst gelungenen Premiere. Das Branchenmagazin PR REPORT und unser Verband, die GPRA, hatten gemeinsam zu diesem Kongress eingeladen und etwa 100 Teilnehmer waren dieser Einladung gefolgt. Sie hörten eine recht umfassende Bestandsaufnahme gleich im Eröffnungsvortrag. Dieter Schweer, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des BDI, zeichnete ein düsteres Bild der deutschen Befindlichkeit: „Das Vertrauen der Bürger in Staat und Unternehmen bröckelt. Das Gefühl der Ohnmacht, die Angst vor dem Ungewissen führt zur Tendenz der individuellen Informationsbeschaffung und -bewertung.“ Für ihn ist dies auch ganz klar ein Grund für die Krise der klassischen Medien: „Die Bürger vertrauen nur sich selbst.“

Die Informationsfülle im Internet führe aber gleichzeitig zu einer Komplexität, die möglicherweise das Individuum überfordere. „Nein“, sagt Kay Oberbeck, Direktor Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei Google, „das ‚Mehr an Information’ ist gut, weil Freiheit und Auswahl von Information dem Einzelnen mehr Macht gibt“ – zumindest theoretisch, wenn nämlich alle den gleichen Informationsstand besäßen. „Ein Teil unserer politischen Bewegung“, davon ist er überzeugt, „ist der Entwicklung der Kommunikationstechnik geschuldet.“

„Wohl wahr“, sagt Dr. Alexander Güttler, Präsident der GPRA, „die Emanzipation der Bürgergesellschaft wäre ohne den technologischen Wandel kaum denkbar.“ Meinungsbildung fände an vielen Orten und auf viel mehr Plattformen statt als früher. „Und für uns PR-Leute bedeutet das, dass wir uns auch an diesen ganz verschiedenen ‚Lagerfeuern’ einfinden müssen, wo die Leute zusammensitzen und diskutieren.“ Folglich ist Public Relations, darin waren sich alle Referenten einig, nicht mehr Verlautbarung, sondern vor allem Zuhören und Dialog. Güttler geht noch einen Schritt weiter. Die PR-Profession sei ideal dafür geeignet, hier auch eine Lotsenfunktion zu übernehmen. „Wer wenn nicht wir kann den Unternehmen und Institutionen sagen, wo es mit der Kommunikation künftig langgeht.“

Konsequenterweise hat die GPRA in ihrer Mitgliederversammlung, die am Folgetag ebenfalls in Berlin stattfand, genau diese Lotsenfunktion an der Seite des Kunden in der Neufassung der Grundsätze für die Mitgliedsagenturen festgeschrieben.

(Foto: © Jens Jeske / www.jens-jeske.de)

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