Spiel des Lebens

Erfolgreiche PR-Berater beherrschen zwei Dinge: Sie verstehen ihre Kunden und wissen, wie die Medien ticken. Nicht wenige in der Zunft haben ihr journalistisches Handwerkszeug von der Pike auf gelernt, meistens in einer kleinen Lokalredaktion. Ich auch. Vor über 25 Jahren erschien mein erster Bericht – und er war eine publizistische Katastrophe ersten Ranges. Den Mut, an dieser Stelle darüber zu schreiben, verdanke ich nicht zuletzt einem therapeutisch begabten Kollegen, der mich damals väterlich zur Seite nahm und mir einen jedi-mäßigen Rat gab, der mir bis heute im Berufsleben Halt gibt: „Scheiß’ drauf!“

Was war passiert? Im Zuge eines vierwöchigen Praktikums bei der „Filder-Zeitung“ in Stuttgart-Vaihingen hatte ich die Gelegenheit, sämtliche Ressorts zu durchlaufen. Weil es nur „Lokal“ und „Sport“ gab, standen die Chancen für eine guten Start 50:50. Leider hatte einer der beiden Sportredakteure Urlaub und der andere keine Lust, seinen Samstag für die Boule-Stadtmeisterschaft in Leinfelden-Echterdingen zu opfern. Also musste ich ran und hatte die Aufgabe, den Kampf der Amateurteams um den Wanderpokal der französischen Partnerstadt Manosque redaktionell zu begleiten. Sportseite, dreispaltiger Aufmacher inklusive Bild, Abgabe am Sonntagnachmittag.

Bitte glauben Sie mir: Ich bin kein Anhänger von Verschwörungstheorien. Aber im Rückblick beschleicht mit noch heute das Gefühl, dass es nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann. Okay, bis auf wenige Hobbypartien im Freibad mit roten, gelben und grünen Plastikkugeln hatte ich in dieser Sportart keinerlei praktische Erfahrungen vorzuweisen. Dass die hölzerne Zielkugel „Schweinchen“ heißt war mir ebenso wenig geläufig wie der Unterschied zwischen Stand- und Hockposition beim Werfen. Das Turnier startete morgens um 10 Uhr, ich war schon 30 Minuten früher an Ort und Stelle, um ja nichts zu verpassen. Das es von da an gerechnet sage und schreibe fast neun Stunden bis zur Siegerehrung dauern würde, war mir nicht klar.

Schon nach der Vorrunde hatte ich genug, traute mich aber nicht, den Ort des Geschehens zu verlassen. Eifrig notierte ich mir die Namen der Teilnehmer, viele davon französisch, schwer auszusprechen und noch schwerer richtig zu schreiben. Ich knipste, was das Zeug hielt und zog mit meiner Nikon-Spiegelreflexkamera zwei Rollenfilme mit 400 ASA komplett durch. Schwarzweiß, versteht sich. Spielerteams von vorn, von der Seite, beim halben Bogen und beim gerollten Wurf, schließlich tief gebeugt und wild über die „Aufnahme“ diskutierend (so nennt man die finale Position der sechs gespielten Kugeln). Darüber wurde es Mittag und heiß (das Turnier fand Mitte Juli statt), ich litt Hunger und Durst, meine Hand klebte am Notizblock. Noch mal vier Stunden bis zum Finale – ich war am Ende.

Die KO-Runde startete. Immer mehr Spieler und ihre Angehörigen verließen nach und nach das Sportzentrum in Leinfelden und machten sich bei schönstem Sommerwetter einen schönen Nachmittag. Die Kinder freuten sich auf Freibad und Eis am Stiel, die Erwachsenen auf ein süffiges Weizenbier am heimischen Grill. Zurück blieben die Eifrigen, die Erfolgreichen, die Organisatoren und ein einsamer Medienvertreter. Ich konnte niemanden anrufen (Handys gab es damals noch nicht), konnte keine E-Mails checken (gab es damals noch nicht), konnte mein Martyrium mit niemandem teilen (Facebook gab es damals noch nicht). Der Minutenzeiger auf der großen Anzeigetafel vollendete aufreizend langsam seine Kreisbahn. Doch schließlich war es soweit: Im Finale standen sich zwei Teams gegenüber. Deutschland gegen Frankreich – ein Klassiker. Ich witterte Morgenluft.

Doch ich lernte: Das Leben eines Sportreporters kann grausam sein. Selbst ich als Laie musste erkennen, auf welch hohem Niveau die letzte Partie dieses scheinbar endlosen Turniertages ablief. Beide Teams waren sich ebenbürtig, es gab kaum Fehler, dafür ein Unentschieden nach dem anderen. Eine normale Begegnung ist in deutlich weniger als einer halben Stunde zu Ende. Diese jedoch dauerte geschlagene 80 Minuten. Die beiden Vertreter aus Manosque machten das Spiel ihres Lebens. Und beraubten mich gleich zu Beginn meiner journalistischen Karriere der Hoffnung, mit Medienarbeit das schnelle Geld machen zu können. Denn während der Leiter des städtischen Sport- und Kulturamtes nach der wenig pompösen Siegerehrung die Lichter ausschalten konnte, ging für mich die eigentliche Arbeit ja erst los. Noch am Abend setzte ich mich über meine elektronische Olivetti-Schreibmaschine und tippte einen der grünen Zeitungsmanuskript-Bogen nach dem anderen voll. Verteilt über den ganzen Tag hatte ich so viele Detailinformationen eingesammelt, dass es mir schwer fiel, einen roten Faden durch meine Geschichte zu legen. 180 Zeilen à 40 Anschläge musste ich liefern – es war eine Qual, von der Dachzeile über die Headline bis zum Schlusspunkt.

Immerhin: Den Abgabetermin am Sonntagnachmittag hielt ich ein. Den fachlichen Kommentar des leitenden Redakteurs aber erspare ich Ihnen. So wie er es sich sparte, meinen Bericht zu redigieren. Er schrieb ihn einfach neu. Wofür ich 9+4 Stunden gebraucht hatte, tippte er lässig und routiniert in 45 Minuten runter. Bebildert wurde der Artikel mit einem Foto aus dem Archiv, weil es nur eine gute Position gibt, um einen Boule-Spieler in Aktion zu fotografieren: frontal von vorn. Gesagt hatte mir das niemand. Also war auch kein geeignetes Motiv auf meinen Filmen. Mein Verdienst für 13 Stunden Arbeit und Leiden fiel mager aus: 45 D-Mark Zeilenhonorar und 25 D-Mark Termin-Startgeld. Scheiß’ drauf!

 

Bild: Nils Allwardt/pixelio.de

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