Schock-Videos im Internet – Top oder Flop?

In Zeiten, in denen Video-Plattformen wie YouTube boomen, entscheiden sich immer mehr Unternehmen und Organisationen für die Kommunikation via Bewegtbild. Schließlich zeigen Videos wie der Nike-Werbespot mit Fußballstar Ronaldinho, dass junge Zielgruppen vor allem durch virales Marketing zu erreichen sind. Denn je häufiger ein Clip verschickt und von den Empfängern angeklickt wird, desto populärer wird meist die Marke, die dahinter steht.

Dass sich Videos mit außergewöhnlichen Inhalten in Windeseile verbreiten, beweist auch die aktuelle Anti-Aids-Kampagne der Initiative Regenbogen e.V., die als gemeinnütziger Selbsthilfeverein für die AIDS-Prävention kämpft: Das Licht im Kampagnen-Video ist gedimmt, man kann Mann und Frau nur schemenhaft erkennen. Die anschließende Sexszene ist jedoch eindeutig. Am Ende rückt das Gesicht des Mannes in den Fokus der Kamera, zu sehen ist Adolf Hitler. Danach folgt der Slogan: „AIDS ist ein Massenmörder. Schütz Dich!”

Regenbogen e.V. setzt in seiner Kommunikation auf Schock-Bilder von Hitler, Stalin und Saddam Hussein, um auf die Problematik von HIV und AIDS hinzuweisen. Bereits vor ihrer offiziellen Veröffentlichung kursierten die Plakate und Videospots im Internet und sorgten für heftige Kritik – aber auch für hohe Abrufzahlen.

Innerhalb kürzester Zeit geriet das Video nun in den Blickpunkt der Medien, nicht zuletzt durch den Aufschrei unterschiedlicher Organisationen, die den Clip als geschmacklos kritisierten: Die AIDS-Hilfe prüft derzeit rechtliche Schritte gegen den verantwortlichen Verein Regenbogen. Ihr Vorwurf: Der Spot mit einem Hitler-Imitator verhöhne die Opfer des Nationalsozialismus und setze HIV-positive Menschen mit Massenmördern gleich. Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) verurteilte die Kampagne scharf. Kurze Zeit später nahm YouTube das umstrittene Anti-Aids-Video von der Webseite. Anstelle des Clips war nur die Standardzeile zu lesen, das Video sei wegen eines Verstoßes gegen die Nutzungsbedingungen entfernt worden. Auf der Website des Vereins Regenbogen ist der Film aber nach wie vor zu sehen. Ob er künftig – wie geplant – auch im Fernsehen und im Kino gezeigt wird, bleibt abzuwarten.

Trotz aller Kritiken, die derzeit auf die Macher des Videos niederprasseln, hat der Clip die breite Masse zweifellos erreicht. Wer den Film nicht aus dem Internet kennt, wurde spätestens durch die umfangreiche Medienberichterstattung auf die Kampagne aufmerksam. Aber kommt die Botschaft, dass sich die junge Zielgruppe bewusst gegen HIV schützen sollte, überhaupt an? Oder weckt die Kampagne lediglich Emotionen wie Entsetzen oder gar Faszination über die aggressive Vorgehensweise der Werbung? Ist es „erlaubt“, Hitler und Stalin als Werbeträger einzusetzen? Bewegt sich der Film noch auf der Grenze des guten Geschmacks oder ist die Grenze hier längst überschritten?

Egal wie oft man sich den Film ansieht, ob der gewünschte Effekt des Schock-Videos eintritt und sich die Menschen bewusster vor AIDS schützen, bleibt fraglich. Klar ist nur, dass Provokationen wie diese verschiedenste Reaktionen hervorrufen, positive wie negative. Doch selbst wenn den Verantwortlichen nun rechtliche Schritte drohen – eine PR-Aktion, die solche Wellen schlägt, muss ihnen erstmal jemand nachmachen. Dann aber vielleicht eher mit einem Video, das nicht Gefahr läuft, die Würde von Menschen zu verletzen.

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