Heute vor 20 Jahren…

… war ich gerade einmal zwei Jahre und neun Monate alt. Mein Wortschatz umfasste damals etwa einhundert Wörter. Mit dem Begriff „Kommunikation“ konnte ich zwar noch nichts anfangen, doch ich konnte meinen Mitmenschen sehr gut klar machen, was ich wollte und was nicht.

Am Wochenende fuhren meine Eltern mit meiner Schwester und mir manchmal an den Schwanenweiher in den Nachbarort – im Gepäck altes Brot. Meine Eltern zeigten mir, dass ich den Tieren nur meine Hand mit dem Brot entgegenstrecken musste, um sie anzulocken. Ich machte es nach und es klappte. Zugegebenermaßen, der Schwan auf dem Bild schaut etwas skeptisch, doch das könnte auch daran liegen, dass er mich vielleicht schon beobachtet hat und weiß, dass ich das Brot oft auch einfach selbst aufaß. Falls sich jetzt der Eine oder Andere fragt, was hat sie denn mit dem armen Tier gemacht, warum liegen da so viele Federn im Gras: Nein, ich habe sie ihm nicht ausgerupft, die lagen schon vorher da. Obwohl ich mein Brot nicht gerne teilte, habe ich anderen dennoch nichts weggenommen, ihnen gar wehgetan.

Heute, 20 Jahre später, habe ich meinen Bachelor in Kommunikations-wissenschaften in der Tasche und erkenne, dass ich schon damals – auch ohne irgendetwas von Kommunikationsformen und Prozessen zu verstehen – nonverbale Kommunikation beherrschte. Eine eingehende Situationsanalyse, die Ermittlung aller prinzipiell möglichen Kommunikationskanäle, die Wahl der richtigen Worte – all das war damals nicht wichtig, eine einfache Geste genügte. Mit knapp drei Jahren machte ich mir keine Gedanken darüber, ob der Schwan mich angreifen könnte, ob er mich wohl besser verstand, wenn ich mit ihm auf Französisch, Englisch oder Deutsch sprach. Es spielte schlichtweg keine Rolle. Heute, als Kommunikationswissenschaftlerin, sieht die Welt anders aus. Doch ich muss zugeben, dass die Kommunikationsregel, die mir während meines Studiums immer und immer wieder eingebläut wurde, damals wie heute gilt: „Man kann nicht nicht kommunizieren“ (Paul Watzlawick). Denn, ich kann nicht einem Schwan ein Stück Brot vor die Nase halten und erwarten, dass er sich nicht dafür interessiert. Und auch heute kommuniziere ich, selbst wenn ich nichts sage. Meine Mimik und Gestik verraten manchmal sogar mehr als meine Worte.

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