Wie VR zum Kommunikationstool für Bauen, Wohnen und Architektur wird

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Auf der Architekturbiennale in Venedig wurde den Besuchern der Entwurf für eine spektakuläre Neunutzung einer alten Autofabrik in Detroit virtuell vorgestellt – mit vielen komplexen Details. Wir wissen aus Erfahrung mit der Öffentlichkeitsarbeit für Städtebauprojekte, wie aufwendig es ist, sie zu vermitteln und in der nötigen Tiefe darzustellen, ohne den Rezipienten zu überfordern. Wäre der Einsatz von VR hier eine Lösung? Diplom-Ingenieur für Architektur und VR-Experte Michael Stamm von SHAP3D berichtet uns über Virtual Reality als Kommunikationsinstrument…

Ich kann mir den Einsatz von VR im Rahmen von Öffentlichkeitsarbeit durchaus vorstellen. Wie viele Bauprojekte stoßen derzeit auf Gegenwind aus der betroffenen Bevölkerung, auch deshalb, weil diese sich, sicher häufig zu Recht, nicht ausreichend informiert fühlt? Natürlich können Pläne eingesehen werden, und natürlich gibt es Informationsveranstaltungen. Aber wer versteht denn Pläne wirklich, außer den Planern? Selbst die Entscheidungsträger in den Gemeinderäten haben vermutlich häufig kein einheitliches Bild vor Augen, wenn Sie an das spätere Ergebnis und dessen Folgen denken.

Könnte VR ein Mittel sein, die Bürgerbeteiligung aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken?

In einem Artikel der Stuttgarter Zeitung vom 18. Juni 2016 ist nachzulesen, dass zuletzt weniger als 100 Bürger an einem Termin im Rathaus teilgenommen haben, bei dem es um die Planung des Rosenstein-Quartiers ging. Es stellt sich einfach die Frage, ob es zeitgemäß ist, zu einem fixen Zeitpunkt an einem bestimmten Ort sein zu müssen, um sich zu informieren, Fragen zu stellen oder Meinungen und Vorschläge einzubringen. Dazu kommt die Anzahl verschiedener Themen, die es zu verstehen und zu bewerten gilt. Ich glaube, dass eine online zugängliche Plattform, auf der eine Echtzeitanwendung dem Besucher eine visuelle Vorschau auf das Projekt ermöglicht, eine deutliche Verbesserung in der Information der Öffentlichkeit darstellen würde. Hier ließen sich nicht nur etwa das geplante Quartier und die Nutzungsalternativen virtuell besichtigen, und jeder könnte sich das genauer ansehen, was ihn persönlich am meisten interessiert. Hier gäbe es außerdem die Möglichkeit, anders als in einem klassischen online-Forum, Fragen und Kommentare für andere Nutzer sichtbar innerhalb der 3D-Welt, also direkt im Kontext zu platzieren. Mit dieser Art der Kommunikation, in die jeder einsteigen könnte, wann immer er Zeit hat und von wo aus er möchte – der Grad der Bürgerbeteiligung wäre vielleicht ein anderer.

Wir wissen allerdings auch, dass solche Plattformen nur funktionieren, wenn sie sehr gut gepflegt werden …

Das ist richtig. Aber gleichzeitig wäre auch für die Verantwortlichen etwas gewonnen. Nämlich interessante Informationen über ihre Zielgruppe. Welche Bereiche werden besonders häufig virtuell besucht? Welche Nutzungsvariante wird bevorzugt? Welche Fragen werden von besonders vielen Bürgern gestellt? Selbstverständlich anonym, aber evtl. verknüpft mit Alter und Geschlecht? Und ein weiterer möglicher Effekt einer virtuell erlebbaren Vorschau des Projekts sollte nicht zu gering geschätzt werden: Begeisterung. Wenn ich eine überzeugende Lösung lebendig vor Augen habe, wofür all der Aufwand und das Geld investiert werden soll, lasse ich mich doch viel eher begeistern und mich von deren Nützlichkeit oder Notwendigkeit überzeugen. VR vergrößert die Chance, nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz für eine Sache zu gewinnen.

Dann wäre die Welt auf einem richtigen Weg. Denn Schätzungen zufolge wird sich der VR-Markt rapide weiter entwickeln und bis 2018 über 170 Mio. aktive VR-Nutzer weltweit umfassen. VR als Massenmarkt?

VR war einfach der logische nächste Schritt, und diesmal sieht es so aus, als könnte sich die Technik auch in der Breite durchsetzen. Die im Hinblick auf Marketing und Kommunikation vielleicht schwerwiegendste Entwicklung wird aus meiner Sicht die sich verändernde Sehgewohnheit der Nutzer sein. Heute ist VR für viele noch etwas Besonderes. Nicht wenige haben noch nie eine VR-Brille genutzt, und man kann deshalb schon damit „punkten“, wenn man seinem Publikum überhaupt eine VR-Erfahrung ermöglicht. Wie bei jeder technischen Neuerung wird es aber auch hier sein: Irgendwann fällt man nicht mehr damit auf, wenn man die Technik nutzt, sondern wenn man es nicht tut. Dann wird eine detaillierte virtuelle Begehung des neuen Gebäudes kein spektakuläres „Gimmick“ mehr sein. Künftige Käufer könnten dies ganz einfach voraussetzen, bevor sie bereit sind, eine Lebensinvestition wie den Kauf eines Hauses oder einer Wohnung zu tätigen. Letztlich sind die Einsatzmöglichkeiten aber so vielfältig wie die Ideen, die man hat. Ob in der Konstruktion, für die Erläuterung von Funktionsweisen oder in der Produktpräsentation – VR hat viele Gesichter. Selbst komplexe Szenarien könnten für Schulungszwecke oder als Sicherheitstraining durchgespielt werden.

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Am Ende steht immer die Frage nach dem Return on Investment. Lohnt sich VR für unsere Kunden rund um Bauen, Wohnen und Architektur?

VR ist ein ideales Kommunikationsinstrument für bestimmte Inhalte und Zielgruppen, wenn der Aufwand dies rechtfertigt. Ganze Gebäude und auch einzelne Raumgestaltungen mit unterschiedlichen Farben, Licht, Boden, Einrichtung, dem gedämmten und ungedämmten Geräuschpegel lassen sich mit 3D-Visualisierungen nachempfinden. Gerade im Marketingbereich kann VR bestens eingesetzt werden – ob als Kommunikationstool für die Roadshow, Präsentationsinstrument für Kunden, um Mitarbeiter international einzubinden oder auf dem Messestand. Noch ist die Technik am Einsatzort so neu, dass Aufmerksamkeit fast schon garantiert ist. Nicht zuletzt werden die meisten unserer Kaufentscheidungen emotional getroffen und können dank des hohen Erlebnischarakters und der starken Identifizierung mit dem Erlebten mittels VR-Technik positiv beeinflusst werden. Und das ist nicht nur auf Immobilien begrenzt.

Michael Stamm beschäftigt sich seit dem Architekturstudium mit dem Thema Visualisierung in Echtzeit. Mit einem Studienkollegen und einem Informatiker startete er 2013 die Firma SHAP3D. Mehr Infos hier

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