Vom ungeilen Content

Ungeiler_Content

Mirko Lange fragt “Geiler Content – aber wie geht das?”, ich sage: „Indem man ungeilen Content vermeidet!“

Eigentlich kann ich sie nimmer hören, den Aufruf, dass Inhalt der König über allem sei, und den Ratschlag, dass man sich erst eine Content- und dann eine Technikstrategie erarbeiten solle. Mein Gott, wir als Agentur für Public Relations machen seit mehr als zwei Dekaden doch nix anderes, als Themen zu generieren und Geschichten zu erzählen … Haben es denn immer noch nicht alle kapiert?

Nein, offenbar nicht. Beispiele gefällig? Voilà!

Da ist das Unternehmen, das eine Webagentur und eine PR-Agentur zum Thema Facebook pitchen lässt. Der Sieger ist: die Webagentur mit ihren – zugegebenermaßen wirklich tollen – gestalterischen Ansätzen. Die Seite entsteht, sieht super aus, die ersten Postings sind prima (kommen von der Agentur) und dann wird’s dünn: Gewinnspiel Nr. 1(so, wie es der Plattformbetreiber halt gerade nicht erlaubt), Bild vom Stammessen 1 in der Kantine (nette Idee, muss aber nicht zwingend jeden Montag wiederholt werden), WM-Tippspiel, Bild vom Sonnenuntergang hinter dem Firmengebäude, Gewinnspiel Nr. 2 (legal, aber der Hauptpreis ist unattraktiv, aber so was von!) Anekdote eines Pensionärs als Sparwitz getarnt, … Soll ich fortfahren? Okay, ich breche an dieser Stelle ab; wer will, findet die weiteren Postings ja live auf Facebook. Schade, dass der präferierte Dienstleister nicht gezeigt hat, vielleicht auch nicht weiß, wie man schöne Formate mit interessanten Storys füllt.

„Wir brauchen auch eine Blog!“, sagte der Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens, nachdem er in einer Männerrunde von diesem Format gehört hatte. „Jetzt will er einen Blog, ich weiß nicht wie’s geht und habe keine Zeit dafür“, jammert der Marketingleiter seinem Agenturconsultant vor, der das gerne hört und Eurozeichen in seinen Augen leuchten lässt. Wenige Tage später ist ein Angebot auf dem einen, tagsdrauf eine Beauftragung auf dem anderen Schreibtisch. Der Dienstleister legt los, programmiert einen Blog, recherchiert Themen, schreibt schöne und sogar interessante Postings, zeigt auf, wie Traffic auf den Blog kommen kann. Anfangs sind’s nur wenige, die zum Weblog finden, nach und nach immer mehr – der Mailabbinderbinder mit der Blog-URL wirkt wahre Wunder! Ja, es gibt sogar Kommentare, die in Kooperation zwischen Agentur und Marketingabteilung schnell erwidert werden. Klasse! Neue Budgetperiode, kein Etat mehr für den Dienstleister; aber auch kein Problem: Marketingleiter und ein „pfiffiger“ Werkstudent können es selber. Der letzte Eintrag datiert vom 10. November 2013. Jetzt wird der Blog abgeschaltet, denn: Es gab ja kaum Reaktionen darauf und vermissen wird ihn daher wohl niemand. Tja.

„XING bringt mir gar nix. Ich habe vor zwei Jahren ein Profil angelegt, aber habe nie eine Reaktion erfahren. Sollte gelegentlich mal schauen, ob da überhaupt noch alles aktuell ist.“

Es muss ja auch nicht immer ein Unternehmen sein, das ungeilen Content liefert; auch Privatleute können dies ganz prima. Ich habe in meiner Timeline leider keinen Platz mehr frei für Freunde, die dreimal am Tag zeigen, was sie sich demnächst in den Mund schieben werden, die wöchentlich ihr Profilbild wechseln und Alben mit jeweils mehr als 50 Fotos anlegen(„Auf Safari in Südwestafrika“ Teil 1 und Teil 2), die jedes gefallene WM-Tor auf Facebook posten, Nachrichten automatisiert und synchron auf XING, LinkedIn, Facebook und Twitter veröffentlichen, und zwar nachgewiesenermaßen bis zu 15 Mal am Tag etc. pp. Jeder Leser dürfte wissen, wovon ich schreibe.

Ja, die Videos „Charlie Bit My Finger“, „How Animals Eat Their Food“, das mit der lustigen Miley-Cyrus-Parodie und das mit den tanzenden Evian-Babies habe ich auch schon ein paar Mal gesehen. Nett, dass die immer wieder mal gepostet werden (gern mit dem Hinweis: „LOL!“ oder „ROFL!“); blöd aber, wenn eine Pressestelle das tut.

Ergo

Vermutlich teile ich nicht – weder privat, noch professionell – das Sendungsbedürfnisse manch anderer, was mich abhält, alles Mögliche in die Welt 2.0 hinauszuposaunen. Es ist vor allem aber einfach auch Teil meiner Arbeit und der meiner Kollegen, Inhalte zu finden, zu recherchieren, zu erzeugen und zu publizieren, die die Zielpublika wirklich interessieren, die Mehrwert bieten, Diskussionen anregen, Impulse geben! Als Blogger und Social-Media-Manager in eigener Sache und im Auftrag des Kunden tun wir uns da relativ leicht. Als webbeobachtender Berater rollt es uns zuweilen die Zehennägel hoch ob dem, was da so alles an ungeilen Inhalten produziert wird; das ist weit entfernt davon, eine Königsrolle in der Kommunikation einzunehmen.

Über den Verfasser

Veit Mathauer ist einer der beiden Geschäftsführer von Sympra. Wirtschaftswissenschaftler, Journalist, PR-Mensch, Boardmitglied im internationalen Public Relations Network (PRN) und seit einiger Zeit Blogger. Ansonsten auch in den einschlägigen sozialen Netzwerken zu finden.

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Kommentare zu diesem Post

Wilfried Schock

Danke für den Beitrag, der ein Thema auf den Punkt bringt. Welches Unternehmen - und da nehme ich auch Werbeagenturen nicht automatisch aus - ist darauf vorbereitet, den täglichen Wettbewerb um Aufmerksamkeit mit hochwertigen Inhalten zu bestehen? Eigentlich doch nur Medienunternehmen. Und auch in der Branche tut man sich schwer. Wie klug ist es also sich auf einem unternehmensfremden Feld in einen Wettbewerb zu begeben, den man als extrem intensiv kennen sollte und auf den man nicht vorbereitet ist? Und ist Content wirklich King? Ich kann mich noch an König Kunde erinnern. Medienunternehmen - die Profis in Sachen Content - tun sich schwer von King Content zu leben. Kundenbeziehungen gedeihen nicht zwangsläufig durch Informationsberieslung. Inhalte, die Empfänger ernst nehmen und einbinden, sind allerdings weder leichte Kost noch Massenware. Geiler Content - ist das nicht schnell ein Ball im falschen Tor - um mal im aktuellen Kontext zu formulieren. Denn was dem einen geil, ist dem anderen gähn. Ich verstehe den Sinn von Facebooks Newsfeed Algorithmus, auch wenn es eine üble Krücke ist. Journalisten als Gatekeeper und Vermeidet von Informationsmüll sind hier immer noch effizienter. Leider sind in den seltensten Fällen Informationsprofil in Social Media aktiv. Deshalb werden wir noch länger mit technischen Hilfsmitteln wie dem genannten zu leben haben und Facebook Pages beim dahin siechen beobachten können.

Veit Mathauer

Danke für diesen Kommentar, lieber Wilfried Schock. Beim Thema Social Media neigen halt viele zum Selbermachen nach dem Motto "Ich brauche keinen Grafiker, meine Cousine kann auch CorelDraw". Spätestens wenn die Likes und Retweets ausbleiben - vorausgesetzt man bemerkt das überhaupt - sollte man sich vielleicht überlegen, ob sich der Aufwand für die 2.0-Aktivitäten überhaupt lohnt und bzw. oder mN sich vielleicht Rat von einem Experten einholen sollte.

Stefan Schanz

Die Frage, ob sich der ganze Aufwand lohnt hat zB Gallup gestellt. 18.525 Amerikaner haben Auskunft gegeben, welchen Einfluss Social Media auf ihre Kaufentscheidungen haben: ow.ly/yB0F8